Kooperative Forschung ohne konzeptionelle Trennung? Zur Problematisierung einer kooperativen Agenda von Antisemitismus- und Rassismusforschung

Zum Initialbeitrag von Dr. Sina Arnold und Prof. Dr. Juliana Karakayali

Ein Kommentar von Prof. Dr. Michael Müller

Der Initialbeitrag von Sina Arnold und Juliane Karakayali folgt einer durchaus plausiblen Annahme, dass die Integration von methodischen und empirischen Erkenntnissen aus den Forschungen zu Antisemitismus und Rassismus und die stärkere institutionelle Zusammenarbeit Synergieeffekte erzeugen können und dabei im Idealfall mehr Diskursmacht für kritische Forschungen in diesem Kontext entsteht. Insbesondere wird vorgeschlagen, das Konzept des „institutionellen Rassismus“ (bspw. Karakayali et al. 2024) auf Forschungen zum Antisemitismus zu übertragen. Trotz nachvollziehbarer Ansätze ist das Ansinnen aus mehreren Gründen zu kritisieren.

Die Autorinnen konstatieren, dass ein „Diskurs-Patt“ zwischen den skizzierten Perspektiven, die Rassismus und Antisemitismus entweder als eng verwandte oder aber als schärfer getrennte Phänomene betrachten, einen „Transfer von Theorien, Methodologien und analytischen Werkzeugen, um Minoritätserfahrungen, Ausgrenzungspraktiken und Ideologiefunktionen in ihren Unterschiedlichkeiten und Ähnlichkeiten zu verstehen“ (Arnold/Karakayali 2024, S. 2) verhindere. Dies leuchtet in der formulierten Absolutheit nicht unmittelbar ein.

Die sicherlich zutreffend dargestellte Situation in der Forschung und Auseinandersetzung mit beiden Phänomenen verhindert keineswegs die gegenseitige Rezeption und die gegenseitige Integration theoretischer Konzeptionen und empirischer Operationalisierungen. Vielmehr reflektiert die Ablehnung gegenüber einer Vereinheitlichung inhaltliche Unterschiede der Phänomene. Daher gibt es gute Gründe, dass sich diese entsprechend auf theoretischer Ebene wiederfinden (Messerschmidt 2024).

Zu den Fragen der Forschungsförderung führen die beiden Autorinnen forschungspragmatische Überlegungen an, indem sie auf berechtigte Ängste hinweisen. Sie befürchten, dass „diese beiden Felder in Hinblick auf Ressourcen gegeneinander ausgespielt werden und die ohnehin eher geringe Aufmerksamkeit für kritische Wissenschaft zwischen Rassismus- und Antisemitismusforschung geteilt wird. Ähnliches gilt für die außerschulische historisch-politische Bildungsarbeit in beiden Themenbereichen, wie auch für erinnerungspolitische Initiativen oder institutionelle Beauftragungen.“ (Arnold/Karakayali 2024, S. 3) Wenngleich die Befürchtungen nachvollziehbar sind, bleibt ungewiss, ob eine Integration beider Forschungsbereiche dazu führt, dass Akteure, die zuvor ausschließlich eines der beiden Phänomene durch Förderzusagen priorisierten, einen integrativen Ansatz ebenso einschätzen, auch wenn es durchaus Beispiele dafür gibt, dass integrative Perspektiven als förderungswürdig eingeschätzt werden (Bundschuh et al. 2023).

Weiter plädieren die Autorinnen „dafür, programmatische Diskussionen etwas zurückzustellen zugunsten einer empirischen Perspektive, die anhand konkreter Gegenstände die Frage nach Ähnlichkeiten und Unterschieden stellt und damit mehr Erkenntnisse über die Funktionsweisen und Effekte der beiden Ideologien bzw. Machtverhältnisse verspricht – auch in ihrem Zusammenwirken“ (Arnold/Karakayali 2024, S. 3).

Die durchaus interessanten empirischen Fragestellungen, die hier mitschwingen, lassen sich jedoch bereits jetzt in spezifischen Projekten realisieren, ohne dass auf breiterer theoretischer wie politischer Ebene eine Unschärfe in den theoretischen Konzeptionen hingenommen werden muss. Eine Favorisierung eines empirischen bzw. empiristischen Zugangs zuungunsten theoretischer Genauigkeit ist grundsätzlich keine gute Idee.

Im Folgenden stellen die Autorinnen die Überlegung vor, das Konzept des „institutionellen Rassismus“ (bspw. Karakayali et al. 2024) auf den Antisemitismus anzuwenden. Die Übertragung des Konzepts des „institutionellen Rassismus“ auf einen „institutionellen Antisemitismus“ erscheint naheliegend und ist insofern zu begrüßen. Diese konzeptionelle Übertragung bzw. Anwendung einer institutionellen Perspektive auf das Phänomen „Antisemitismus“ bedarf m.E. aber keiner grundsätzlichen Neuausrichtung beider Forschungsstränge.

Die genannten Forschungsbeispiele zu Formen institutionellen Antisemitismus zeigen bereits an, dass es entsprechende Forschungen gibt. Dass der Ansatz einer kooperativen Rassismus- und Antisemitismusforschung produktive Verbindungen erzeugen und an inzwischen erarbeitete migrationsgesellschaftliche Konzepte der Gedenkstätten- und Erinnerungsarbeit anknüpfen kann (Bundschuh et al. 2023), hat Astrid Messerschmidt bereits dargelegt (Messerschmidt 2024, S. 2). An welchen Stellen nun die „stärkere Verbindung von Rassismus- und Antisemitismusforschung“ produktive Veränderungen hervorrufen soll, die ohne diese „Verbindung“ nicht möglich wären, bleibt im Debattenbeitrag unklar.

Entscheidender sind m.E. folgende Aspekte:

  1. In einem integrativen Forschungsansatz besteht die Gefahr einer konzeptionellen Vereinheitlichung von Phänomenen, die zur (diskursiven) Verdeckung jeweiliger Spezifika beitragen kann (dies gilt bspw. für das Konzept der „Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit“; Zick et al. 2008).
  2. Insbesondere im deutschsprachigen Raum ist davon auszugehen, dass im Falle des Antisemitismus spezifische individuelle (auf Seiten der Forscher:innen) und strukturelle (auf politischer Ebene) Verdrängungs- und Abwehrmechanismen vorliegen, welche sich von denen des Rassismus unterscheiden. Die Chance, diese reflexiv zu bearbeiten ist höher, wenn diese separiert beleuchtet werden und nicht im Zuge kooperativer Forschungen diesbezüglich Unschärfen entstehen.
  3. Es spricht nichts gegen eine gegenseitige Rezeption: Beide Forschungsbereiche können sicherlich weiterhin voneinander profitieren, ohne eine stärkere Vereinheitlichung.
  4. Fördergelder sind und bleiben knapp: Es ist davon auszugehen, dass eher konservative Fördermittelgeber Forschungen zum Antisemitismus und eher progressive Institutionen Forschungen zum Rassismus oder auch integrative Forschungen zu beiden Phänomenen unterstützen werden. Die Idee, durch eine stärkere Verknüpfung beider Phänomene in integrativen bzw. kooperativen Forschungszusammenhängen insgesamt günstiger aufgestellt zu sein, ist fraglich. Das Gegenteil könnte der Fall sein, wenn der Kreis der Fördermittelgeber dadurch eingeschränkt wird.

Schließlich sind aus meiner Perspektive folgende Aspekte zu berücksichtigen:

  1. Die auch von den Autorinnen ins Feld geführte Arbeit von Klaus Holz (2001) zeigt insbesondere an, dass Antisemitismus Funktionen einnehmen kann, die der Rassismus nicht bedient. Die „Figur des Dritten“ wird projektiv „dem Juden“ zugeschrieben, sie ermöglicht durch eine Separation „der Juden“ von der binären Beziehungslogik nationaler Kollektive im Beziehungsgeflecht der Nationalstaaten nationalistische Konstruktionen, welche das jeweils andere nationale Kollektiv insofern akzeptieren, als dass es in der Logik von Nationalstaaten verortet bleibt. „Die Juden“ werden hingegen als außenstehend konstruiert (Salzborn 2010). Somit folgt der Antisemitismus nicht der binären Logik des Rassismus (Hall 2000, Linnemann et al. 2013), ein Strukturmerkmal, welches für den Antiziganismus ebenfalls angenommen werden kann.
  2. Der Appell, „Antisemitismus jenseits von Einstellungen und Vorfällen [zu] analysieren“ (Arnold/Karakayali 2024, S. 3) kann wahrgenommen werden, als der Versuch, das Einstellungskonzept argumentativ an den Rand zu drängen. Einstellungsforscher:innen sind aber zum einen keineswegs der Ansicht, dass mit dem Einstellungskonzept die Phänomene „Antisemitismus“ oder „Rassismus“ in Gänze zu erfassen sind, zugleich bietet das Einstellungskonzept griffige Operationalisierungen (Zick et al. 2023) und ermöglicht im Sinne „sozialer“, also „kollektiv geteilter“ und im Rahmen der Sozialisation „erlernter Einstellungen“ theoretische wie empirische Verknüpfungen gesellschaftlicher Strukturen und individueller Überzeugungen. Zum anderen können ohne Weiteres neben der Fokussierung auf die Träger:innen antisemitischer und/oder rassistischer Einstellungen die Auswirkungen und Wirkungsweisen von Antisemitismus auf Juden:Jüdinnen untersucht werden. Die konstruierte Gegensätzlichkeit führt daher zunächst nicht zu konzeptionellen oder empirischen Weiterentwicklungen, es werden hier fachspezifische und theoretische Perspektiven (Sozialpsychologie, Rassismuskritik) unnötigerweise gegenübergestellt.

Vielmehr wäre es in zukünftigen Forschungsprojekten sinnvoll, das Zusammenwirken institutioneller Strukturen und individueller bzw. sozialer Einstellungen, gerade auch bei Fragen der Reproduktion des Rassismus und Antisemitismus, zum Thema zu machen; ein Ansatz, den die Autor:innen im Grunde auch selbst darstellen.

Zusammenfassend muss keineswegs für eine Unterbindung von Formen der Zusammenarbeit auf analytischer, theoretischer, forschungspraktischer oder institutioneller Ebene argumentiert werden. Vielmehr geht es darum, die jeweiligen Spezifika der Phänomene „Antisemitismus“ und „Rassismus“ zu berücksichtigen (Messerschmidt 2024), welche dafürsprechen, die Antisemitismus- und Rassismusforschung als unterschiedlich, wenn auch mit Schnittmengen zu begreifen und entsprechend argumentativ wie institutionell durch weitere Forschungen und Empirie-Praxistransfers abzusichern.

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Literatur

Bundschuh, Stephan et al. 2023. Partizipativ erinnern. Praktiken. Forschung. Diskurse. Eine Bestandsaufnahme. Düsseldorf: IDA.

Karakayali, Juliane, Christina Biel und Cristina Raffaele. 2024. Institutioneller Rassismus und Beschwerden dagegen in der Schule. „Ich liebe Schule, aber Schule liebt mich nicht“. In: Leiprecht, Rudolf und Anja Steinbach, Hg., Handbuch Schule in der Migrationsgesellschaft. Weinheim: Beltz, i.E.

Hall, Stuart. 2000. Rassismus als ideologischer Diskurs. In: Rätzhel, N. (Hg.): Theorien über

Rassismus. Hamburg: Argument, 7–16.

Holz, Klaus. 2010. Nationaler Antisemitismus: Wissenssoziologie einer Weltanschauung. Zugl.: Leipzig, Univ., Habil.-Schr., 1999/2000 (Neuausg). Hamburger Edition HIS.

Linnemann, Tobias., Mecheril, Paul. und Nikolenko, Anna. 2013. Rassismuskritik. Begriffliche Grundlagen und Handlungsperspektiven in der politischen Bildung. ZEP : Zeitschrift für internationale Bildungsforschung und Entwicklungspädagogik, 36. https://doi.org/10.25656/01:10618 (ZEP : Zeitschrift für internationale Bildungsforschung und Entwicklungspädagogik 36 (2013) 2, S. 10-14).

Salzborn, Samuel (2010). Antisemitismus als negative Leitidee der Moderne: Sozialwissenschaftliche Theorien im Vergleich. Campus.

Zick, Andreas, Beate Küpper und Nico Mokros, Hg., 2023. Die distanzierte Mitte: Rechtsextreme und demokratiegefährdende Einstellungen in Deutschland 2022/23. Bonn: Dietz.

Zick, Andreas, Wolf, Carina, Küpper, Beate, Davidov, Eldad, Schmidt, Peter, und Heitmeyer, Wilhelm. 2008. The syndrome of group-focused enmity: The interrelation of prejudices tested with multiple cross-sectional and panel data. Journal of Social Issues 64 (2): S. 363-383.