Rückblick auf das RfM-Forum
Für einen starken Schutz vor Antisemitismus, Rassismus und allen Formen von Diskriminierung an Hochschulen
Am 16. Januar 2025 trafen sich Expert:innen und Stakeholder:innen, um den RfM-Appell „Für einen starken Schutz vor Antisemitismus, Rassismus und allen Formen von Diskriminierung an Hochschulen“ zu besprechen. Unsere geladenen Gäste hatten vielfältige Bezüge zur Hochschulpolitik – ob als Hochschulleitung, Hochschulmanagement, Lehrende, Studierendenvertreterin oder externe Antidiskriminierungsberatung.
Weltweit hat der Nahostkonflikt seit dem 7. Oktober 2023 große Auswirkungen auf israelisch-jüdische und palästinensisch-arabisch Diasporagemeinschaften, nicht anders ist dies in Deutschland. Besonders in politischen Studierendenmilieus und damit an Hochschulen werden Solidaritäten, Positionierungen, Protest und Provokationen mit legitimen Mitteln der Debatte und des Streits, Demonstrationen und Camps, und mit illegitimen Mitteln wie Bedrohungen, Einschüchterungen, Diskriminierungen und Sachbeschädigungen artikuliert. Menschen mit Familie und Wurzeln in Israel/Palästina, sowie ihre weiteren jüdischen, muslimischen, christlichen und säkularen Freund:innen und Angehörigen studieren und arbeiten an Hochschulen in Deutschland zusammen. So schwer und ausweglos der Nahostkonflikt in seiner aktuellen Eskalation wirkt, haben die Hochschulen in Deutschland die Aufgabe, für alle ihre Angehörigen ein guter Studien- und Arbeitsort zu sein.
Am 30. Oktober 2024 veröffentlichte der Rat für Migration seinen Appell mit konkreten Empfehlungen, wie Hochschulen ihrer Aufgabe gerecht werden können. Mitgezeichnet hat diesen Appell der Rat Muslimischer Studierender und Akademiker:innen RAMSA. Als Reaktion auf unseren Appell reichen von Dankbarkeit, Lob und Zustimmung, auch seitens muslimischer Hochschulangehöriger. Aus der in Vorbereitung befindlichen neuen Bundestagsresolution „Antisemitismus und Israelfeindlichkeit an Schulen und Hochschulen entschlossen entgegentreten sowie den freien Diskursraum sichern“ und Gesprächen rund um den Appell des Rat für Migration geht hervor: Vielen Akteur:innen aus jüdischen Gemeinschaften gehen die Vorschläge des RfM nicht weit genug. Darum möchten wir das Gespräch weiter führen.
Impulse für einen starken Schutz vor allen Formen von Diskriminierung an Hochschulen
Inwiefern können Hochschulen in diesem Feld die Zivilität der Konfliktbewältigung wahren, wo und wie sollten Schutzräume geschaffen werden, wo Gesprächsräume, und wo sind Sanktionen auszusprechen? Wie kann Handlungsunsicherheiten Lehrender entgegengewirkt werden?
Finden Sie hier die Impulse unserer teilnehmenden Expert:innen und Stakeholder:innen Friederike Lorenz-Sinai, Marina Chernivsky, Efthimia Panagiotidis.
„Der Schutz vor [Antisemitismus] [sollte] in bestehende Antidiskriminierungs- und Diversitystrukturen integriert werden. Eine gute Vernetzung und ein kollegialer Fachaustausch zwischen den Diversity- und Gleichstellungsbüros sind entscheidend, um Synergien zu schaffen.“
Prof. Dr. Efthimia Panagiotidis
Soziologin, Co-Sprecherin der Sektion Rassismus im Rat für Migration
Professionalisierung der Antidiskriminierungs- und Diversitystrukturen
Der Rat für Migration fordert eine umfassende Stärkung von Antidiskriminierungsstrukturen an deutschen Hochschulen. Diskriminierungen, insbesondere Antisemitismus und Rassismus, sind weiterhin weit verbreitet und erfordern eine konsequente Bearbeitung auf institutioneller Ebene. Eine isolierte Berufung von Beauftragten zum Schutz vor Antisemitismus reicht nicht aus; vielmehr sollte der Schutz vor Diskriminierung in bestehende Antidiskriminierungs- und Diversitystrukturen integriert werden.
Eine gute Vernetzung und ein kollegialer Fachaustausch zwischen den Diversity- und Gleichstellungsbüros sind entscheidend, um Synergien zu schaffen. Dadurch kann eine intersektional ausgerichtete Antidiskriminierungsberatung durch funktionierende Verweissysteme sichergestellt werden. Gleichzeitig wird die notwendige Aufmerksamkeit auf die verschiedenen Diskriminierungsformen gelenkt, ohne eine Hierarchisierung der spezifischen Gewaltverhältnisse zu reproduzieren. Eine gemeinsame Organisation von Gleichstellungsanliegen und Antidiskriminierungsarbeit kann zudem einer lähmenden Konkurrenz um Ressourcen entgegenwirken.
Die Mitarbeiter*innen in den Beratungsstellen sollten möglichst vielfältig zusammengesetzt sein und alle marginalisierten Gruppen repräsentieren. So erhalten Betroffene die Möglichkeit, sich unterschiedlich positionierten Berater*innen anzuvertrauen. Professionelle und hauptamtliche Beauftragte sind notwendig, um einen nachhaltigen und wirksamen Diskriminierungsschutz sicherzustellen und den Risiken rein ehrenamtlicher Ansätze vorzubeugen. Weiterbildungsprogramme für wissenschaftliches und administratives Personal stärken das Bewusstsein auf Verwaltungs- und Leitungsebene.
Hochschulangehörige aller Statusgruppen sollten Zugang zu vertraulichen und niedrigschwelligen Beratungsangeboten haben. Der Ausbau transparenter Beschwerdestellen nach dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz (AGG) und eine Verankerung der Antidiskriminierungsarbeit im Hochschulrahmengesetz bildet schließlich die rechtliche Grundlange für ein inklusives Hochschulumfeld, das nicht nur diskriminierungssensibel, sondern auch durchsetzungsstark ist.“
// Die Soziologin Prof. Dr. Efthimia Panagiotidis, Co-Sprecherin der Sektion Rassismus im Rat für Migration
„Nach dem 7. Oktober erleben jüdische Hochschulangehörige nicht nur subtile, sondern auch eliminatorische Gewalt und sind in ihrer Teilhabe an der Bildung erheblich beeinträchtigt. Erst nach dem 7. Oktober rückt jedoch der Themenkomplex Antisemitismus in den Fokus der Gleichstellungs- und Antidiskriminierungspolitik.“
Marina Chernivsky
Kompetenzzentrum antisemitismuskritische Bildung & Forschung / Beratungsstelle bei antisemitischer Gewalt und Diskriminierung OFEK e.V.
Antisemitismus an Hochschulen: Gewaltgeschichte, Gegenwart und die Notwendigkeit kritischer Aufarbeitung
Antisemitismus stellt eine traditionsreiche Gewaltpraxis dar. Antisemitismus war und immer mit Gewalt und Ausschluss verbunden verbunden gewesen. Dass die Frage nach dem Fortbestand des Antisemitismus an Hochschulen bislang nicht im Fokus stand, ist teilweise mit der historischen Verdrängung zu erklären. Diese bedingte und bestärkte damals die soziale Apathie gegenüber Überlebenden und ihren Nachkommen in den beiden deutschen Nachkriegsstaaten und prägte auch die Beziehung zu Jüdinnen:Juden und zu Antisemitismus. Nach dem 7. Oktober erleben jüdische Hochschulangehörige nicht nur subtile, sondern auch eliminatorische Gewalt und sind in ihrer Teilhabe an der Bildung erheblich beeinträchtigt. Erst nach dem 7. Oktober rückt jedoch der Themenkomplex Antisemitismus in den Fokus der Gleichstellungs- und Antidiskriminierungspolitik. Umgeben von terrorverherrlichenden Aktionen, verbaler und zum Teil auch tätlicher Gewalt stehen sie unter Zwang ihre Erfahrungen den Gremien zu „übersetzen“. In der Zusammenarbeit mit Hochschulen wird sichtbar, wie groß die (Wissens-)Lücken sind und wie vorherrschend die Abwehr ausfalle. Wollen wir diese Lücken schließen, müssen die Gewalt-, Ideologie- und Ideengeschichte des Antisemitismus gegenwärtig gedacht werden. Der Schutz vor Gewalt wird nicht allein durch Sanktionen gewährt, sondern durch den Ausgleich asymmetrischer Erfahrungen und den Beistand aus den eigenen Reihen. Politischer Dissens darf nicht mit Antisemitismus erklärt und antisemitische Gewalt durch politische Positionen ergründet werden. Eine auf Antisemitismus abgestimmte Antidiskriminierungspolitik setzt zunächst die kritische Reflexion des Hochschulpersonals über die Traditionslinien der (Nicht-)Thematisierung antisemitischer Ideologien und setzt weiterhin auf den Ausbau antisemitismuskritischer sowie betroffenenorientierter Beschwerde- und Beratungsstrukturen.
// Marina Chernivsky (Kompetenzzentrum antisemitismuskritische Bildung & Forschung / Beratungsstelle bei antisemitischer Gewalt und Diskriminierung OFEK e.V.)
„Im Kontext von Antisemitismus geht es immer sowohl um den Schutz vor Antisemitismus und die Ermöglichung der uneingeschränkten Teilhabe jüdischer Hochschulangehöriger als auch um die Förderung des (antisemitismus-)kritischen Denkens und die Selbstreflexion der eigenen Involviertheit in antisemitische Weltbilder, Ressentiments und Affekte.“
Prof. Dr. Friederike Lorenz-Sinai
Fachhochschule Potsdam
Patriarchale Strukturen, antisemitische Kontinuitäten: Für stärkere Selbstreflexion an Hochschulen
Hochschulen sind patriarchal und hierarchisch strukturiert, von Macht- und Abhängigkeitsverhältnissen durchzogen und zugleich zu großen Teilen selbstverwaltet, was eine Arbeit gegen Diskriminierungsstrukturen und den Gewaltschutz besonders komplex macht. Teilhabe und Sicherheit vor Übergriffen bilden jedoch die Basis, um in Hochschulen gleichberechtigt lernen und Bildungsprozesse initiieren und erleben zu können. Diese institutionelle Teilhabe wird für viele Jüdinnen und Juden im Hochschulkontext erschwert. Antisemitismus als projektives System und identitätsstiftendes soziales Bindemittel wird gerade in den diskursiven und politischen Kontexten von Hochschulen immer wieder virulent. Die institutionelle Gewaltgeschichte von Hochschulen setzt sich in immer neuen Facetten fort und aktualisiert sich im Verharmlosen, Verleugnen und Zulassen antisemitischer Agitation.
Hochschulleitungen und Verantwortungsträger*innen an Hochschulen müssen sich als zuständig verstehen für die Arbeit gegen institutionalisierten und normalisierten Alltagsantisemitismus und antisemitische Eskalationen an Hochschulen, ebenso, wie es für andere Diskriminierungs- und Gewaltphänomene gefordert und zum Teil in der Gleichstellungs- und Antidiskriminierungsarbeit bereits erkämpft wurde und strukturell umgesetzt wird. Im Kontext von Antisemitismus geht es immer sowohl um den Schutz vor Antisemitismus und die Ermöglichung der uneingeschränkten Teilhabe jüdischer Hochschulangehöriger als auch um die Förderung des (antisemitismus-)kritischen Denkens und die Selbstreflexion der eigenen Involviertheit in antisemitische Weltbilder, Ressentiments und Affekte. Aufgrund der historisch tradierten Leerstellen und Abwehr müssen Hochschulen dafür systematisch externe Unterstützung anfragen und ihr Handeln unter Einbezug der Expertise jüdischer Communities und von Forschung zu institutionellem Antisemitismus bedarfsgerecht ausrichten.
// Prof. Dr. Friederike Lorenz-Sinai (Fachhochschule Potsdam).
