RfM-Debatte 2021

Rassismus als Praxis der langen Dauer. Welche Rassismusforschung braucht Deutschland – und wozu?

Initialbeitrag von Maria Alexopoulou (Zentrum für Antisemitismusforschung, TU Berlin/Forschungsinstitut Gesellschaftlicher Zusammenhalt, Standort Berlin)

Hier der Beitrag als PDF

Letzte Aktualisierung: 21.06.2020

Historische Rassismusforschung!

Die aktuelle Diagnose „Deutschland hat ein Rassismusproblem“ durchdringt die Geschichte der Einwanderungsgesellschaft Deutschland und adressiert ein Thema, das für die Bundesrepublik in ihrer Dimension als Migrations-, postmigrantische sowie als pluralistische demokratische Gesellschaft essentiell ist.

Angesichts der Tatsache, dass wir heute wie nie zuvor breit über Rassismus sprechen, stellt sich freilich die Frage, ob sich etwas geändert hat, ob wir uns in einer Zäsur befinden und worin diese Zäsur besteht. Lernt die deutsche Gesellschaft gerade etwas (neues) über Rassismus und wenn ja, was?

Die Rassismusforschung, die durchaus Antworten auf diese Fragen gibt und geben will, steht in Deutschland allerdings auf tönernen Füßen: Die Theorie ist wenig durch empirische Forschung unterfüttert, dementsprechend bleibt schon ihr Gegenstand vage. Das Fehlen zeithistorischer Forschung für die Zeit nach der vermeintlichen „Stunde Null“ sticht dabei besonders hervor.

Aktuell stellt die Bundesregierung viel Geld für Rassismus-Studien zur Verfügung, um Daten zu generieren, auf deren Grundlage Politik auf die Diagnose Rassismus reagieren kann. Doch welche Rassismusforschung braucht Deutschland heute überhaupt? Sollten wie schon in den letzten Jahrzehnten primär Einstellungen und damit die Symptome von Rassismus (bzw. der dafür etablierten Deckbegriffe) erhoben werden, um das Individuelle statistisch zu kollektivieren und zu ordnen? Eine positive Neuerung ist freilich, dass durch den Rassismusmonitor des DeZIM zumindest auch die Erfahrungen der Betroffenen quantitativ erfasst werden sollen. Doch welche grundlegenden Fragen können diese Daten klären, außer als diagnostisches Mittel zu fungieren, das ein Problem attestiert? Welche Fragen sollte sich Rassismusforschung in Deutschland stellen? Aus meiner Sicht sind es zunächst diese, auf die ich im Folgenden eingehe:

1.    Was ist Rassismus? Ideologie, anthropologische Konstante, sekundäre Kapitalismusfolge, Macht-Wissen-Komplex, Form der Vergesellschaftung?

2.    Welche Kriterien machen Rassismus aus und was verbindet die einzelnen Rassismen miteinander?

3.    In welchem Verhältnis stehen Rassismus und Antisemitismus – vor allem in Deutschland?

Ich bin überzeugt, dass historische Rassismusforschung einen entscheidenden Beitrag dazu leisten kann, derartig grundlegende im deutschen Kontext noch zu wenig adressierte Fragen zu bearbeiten. Dafür bräuchte es:

1.    Eine breit angelegte rassismuskritische zeithistorische Forschung, die sich nicht auf die zwölf Jahre NS beschränkt, sondern die Zeit vor 1933 und besonders auch nach 1945 fokussiert, was bislang weder in der zeithistorischen noch der migrationshistorischen Forschung in Deutschland ausreichend betrieben wird.

2.    Eine Fokussierung auf die historische Untersuchung von Rassismus als Praxis, weg von ideengeschichtlichen und kulturwissenschaftlichen Theoretisierungen und essayistischen Überblicken, hin zu mehr historischen Mikrostudien und deren Synopse.

3.    Die Zusammenschau der Verflechtungen, nicht den Vergleich von Rassismen in unterschiedlichen Zeiten, Orten oder unterschiedlichen betroffenen Gruppen, sondern deren Analyse als ein in die jeweils untersuchte räumliche Einheit (lokal, national, global) systemisch eingebettetes Phänomen.

Da der deutsche Kontext auch welthistorisch bedeutsam ist, wären die hier zu gewinnenden Erkenntnisse auch für die internationale Rassismusforschung essentiell. Doch diese Desiderata sind nicht nur forschungsimmanent von Interesse, sondern ihre Bearbeitung hat darüber hinaus wichtige (1) erinnerungs-, (2) bildungs-, (3) forschungs- und letztlich allgemein politische und gesellschaftliche Implikationen, die ich im Folgenden anreißen will.

1.    Erinnerungskultur und -politik

Anders als in den Jahrzehnten zuvor, in denen Migrant*innen und Postmigrant*innen durch Repräsentation in Museen und im „nationalen Narrativ“ – im Sinne eines „neuen Wir“ oder der „neuen Deutschen“ – Einlass in das kollektive historische Gedächtnis Deutschlands suchten, geht es aktuell um die Erinnerung an rassistisches Leid, sowie unter dem Motto „Dekolonisierung“ um das Aufzeigen von Spuren rassistischen Wissens im kulturellen Gedächtnis sowie sein Ent-lernen.

Vor allem jüngere Postmigrant*innen, BIPoCs, Sinti*zze und Rom*nja, Jüd*innen (oft selbst als „zweite Generation“ in Deutschland), sowie eine explizit ostdeutsche „zweite Generation“ und Ossis of Color fordern selbstbewusst als gleichwertiger Teil der Gesellschaft auch Anteil an der deutschen Erinnerungskultur. [1]

Dieses Anliegen erhielt angesichts der engen Aufeinanderfolge der rassistischen Morde von Halle und Hanau und den deutschen Black Lives Matter Protesten einen entscheidenden Boost. Es knüpft dabei erinnerungskulturell an den Anspruch, aber auch die Erinnerungsformen an, die sich in den NSU-Komplex-Auflösen Tribunalen artikuliert und etabliert haben, die ja wiederum auch Folge und Antwort sind auf rassistischen Terror und dessen gesellschaftliche und institutionelle Verankerung.

In der langen Dauer haben sich aufgrund „endemischer“ Rassialisierungspraktiken, im Gefolge von Migrationsbewegungen nach Deutschland, und von Deutschland ausgehenden Gewaltpolitiken, unzählige Rassismuserfahrungen verschiedenster Betroffenengruppen aufgetürmt, die in der aktuellen Konjunktur des Rassismus nach Anerkennung, Aufarbeitung und Gedenken verlangen. Sofern mehrere Betroffenengruppen solidarisch agieren oder sich unter einem gemeinsamen Dach wie ‚Antirassismus‘ oder Migrantifa finden, scheint es einfacher, die verschiedenen erinnerungskulturellen Anliegen als eine Bewegung zu fassen. Die gleiche Kohärenz ergibt sich offenbar, wenn Erinnerung an ein partikulares Ereignis aus verschiedenen migrantisch-minoritären Perspektiven beleuchtet wird, wie das sehr gelungen der Sammelband „Erinnern stören. Der Mauerfall aus migrantischer und jüdischer Perspektive“ tut (Lierke/Perinelli 2020).

Aber gleichzeitig ist diese antirassistische erinnerungskulturelle Bewegung (sofern überhaupt als ‚eine‘ Bewegung zu fassen) sehr fragil. Diese Fragilität bringt auch die Rassismustheorie in Deutschland in Erklärungsnot, da sie ihren Forschungsansatz bzw. seine Anwendbarkeit auf die damit untersuchten Gegenstände gewissermaßen in Frage stellt. Gleichzeitig macht sie die damit artikulierte Forderung – Partizipation an der Erinnerungskultur – von außen angreifbar: Nicht nur bei offen rassistisch argumentierenden und die Existenz von Rassismus leugnenden Milieus, sondern auch bei „liberalen Universalisten“, die in den Anliegen einzelner Gruppen die Gefahr des Partikularismus und der Opferkonkurrenz aufkommen sehen.

Die Schwierigkeit, die verschiedenen Ausdrucksformen von Rassismus in der deutschen Gesellschaft zueinander in Beziehung zu setzen, zeigte sich in der ersten Podiumsdiskussion der Jahrestagung des Rates für Migration 2020 [2] eindrücklich: Auch hier war es ein Nebeneinander, wie es sich immer wieder manifestiert, wenn einzelne betroffene Gruppen bzw. Subgruppen aufgezählt und ein Rassismus nach ihnen benannt wird. Ergebnis des Gesprächs waren dementsprechend wieder nur partikulare Aussagen, die nebeneinander, aber kaum zueinander in Beziehung standen. Das verstärkt zum einen den Eindruck, dass der Rassismus, den die jeweilige Gruppe erfährt, primär mit ihr zu tun hat, Teil ihrer Geschichte ist. Das macht Rassismus aber letztlich zum Merkmal und damit auch zum Problem der Betroffenen, nicht zum Merkmal und Problem der Gesellschaft, die ihn hervorbringt.

Zum anderen führt diese Praxis des Nebeneinanderstellens der Rassismen dazu, dass die schwierigsten Fragen nicht durchdrungen werden, die dann auch immer wieder dafür sorgen, dass Solidaritätsbündnisse scheitern. Zugespitzt haben sich diese Fragen in dem seit Jahren schwelenden Konflikt zwischen Postcolonial Studies und Antisemitismusforschung. Dabei wird darum gerungen, in welchem Verhältnis die zwei Innbegriffe und welthistorisch wohl extremsten Formen des Rassismus stehen: Sklaverei/ Kolonialrassismus/Segregation entlang der color line als global umfassendste und die Shoah als ereignishistorisch einzigartige. Dieser Konflikt entfaltet sich freilich nicht nur innerhalb der global vernetzten academia, sondern findet seinen Weg auch zurück nach Deutschland. So etwa mit der sog. „Mbembe Affäre“, welche die heute aufgeregt geführte Diskussion über Opferkonkurrenz – die schon als Historikerstreit 2.0. firmiert (Rothberg 2020) – quasi einleitete. Die Achille Mbembe vorgeworfene Relativierung des Holocaust sowie die nachgesagte Nähe zum BDS belegten ihn als Person mit einem antisemitischen Appeal und machen somit auch seine breit rezipierten wissenschaftlichen Analysen zur langen Dauer und den Wirkungen des Kolonialrassismus bis in unsere Zeit fragwürdig. [3]

Der parallel dazu im Feuilleton und den Social Media stattfindende, von überschießenden Reaktionen geprägte Streit um Identitätspolitik geht an den zentralen Fragen rund um das Erinnern von Rassismen vollkommen vorbei: In diesem Geflecht aus strategischem Essentialismus und strategischem Missverstehen, linker Appropriation, besorgten Appellen der „liberalen Mitte“ und rechter Häme, erscheinen Rassismuskritik und Kritik der Rassismuskritik oftmals als weitgehend inhaltsleere Kulturpraktik oder als reine Medienstrategie.

Jede Form von Rassismus zu erinnern, scheint aus heutiger Perspektive nicht nur moralisch geboten und gesellschaftspolitisch angebracht im Sinne der Herstellung von gesellschaftlichem Zusammenhalt durch gleichen Zugang zu Ressourcen – in dem Fall zur Ressource Erinnerung, die allen Präsenten gleichermaßen zusteht. Darüber hinaus folgt das gemeinsame Erinnern aber auch aus der Geschichte selbst. Michael Rothberg will dies als multidirektionales Erinnern verstanden wissen. Als historiographische Herangehensweise erscheint mir statt dieses eher vergleichenden Zugangs (Zimmerer/Rothberg 2021) allerdings der entangled histories Ansatz geeigneter – “unveiling the entanglement rather than […] comparing the entangled entities” wie es der dekoloniale Denker Walter Mignolo ausdrückte (2013:110).

Dabei benötigen wir eine zweifache Bewegung: Zum einen die historiographische Durchdringung der einzelnen Rassismus-Varianten, die von unterschiedlicher zeitlicher Reichweite sind. So fließt in den dezidiert rassistischen Antisemitismus, in der Form, die er seit dem Ende des 19. Jahrhunderts annahm, der jahrhundertealte, in das europäisch-christliche Projekt eingebaute Antijudaismus ein. Allerdings hatte dieser schon in der Vormoderne auf der Iberischen Halbinsel rassistische Züge angenommen, die als Standort der drei monotheistischen Religionen quasi zum protorassistischen Laboratorium wurde (Schüler-Springorum 2020b).

Das führt auch zur zweiten Bewegung: Nämlich die Synopse der einzelnen Rassismus-Formen und das historische Herausarbeiten ihrer Verflechtungen und Überlagerungen: So etwa die Tatsache, dass der im 19. Jahrhundert hier in Deutschland so benannte Antisemitismus von Beginn an starke antislawische und anti-migrantische rassistische Implikationen hatte. In der Weimarer Republik gipfelte dies in der Figur des „Ostjuden“, der noch im Dritten Reich am untersten Ende der rassischen Hierarchie stand. Auch in der direkten Nachkriegszeit gehörten osteuropäische jüdische Displaced Persons zu den verhassten und später in der neuen Bundesrepublik in vieler Hinsicht diskriminierten Ausländergruppen, ähnlich der polnischen „heimatlosen Ausländer“, die deren Mehrheit stellten (Alexopoulou 2020: passim). Das ist nur eines von zahllosen Beispielen, die zeigen, wie sich die scheinbar klar voneinander abgetrennten Gruppen – Jüd*innen, Migrant*innen –überschneiden. Das verweist ebenso auf die „Verflechtungspotenz des Antisemitismus“, die ihn mit den weiteren heute auftretenden Rassismusformen verbindet – wobei die Verknüpfung mit dem antimuslimischen Rassismus ebenso ins Mittelalter und die Vormoderne zurückgeht (Schüler-Springorum 2020a: 56 und 2020b).

Die Konstanz von Rassialisierungspraktiken innerhalb des jeweiligen sich im Zeitverlauf verändernden Migrationsregimes lässt sich am eindrücklichsten an der Geschichte der Schwarzen Deutschen und Schwarzen in Deutschland aufzeigen, deren Zugang und andauernde Präsenz stets mittels an Herkunfts-Hierarchien ausgerichteten (minderen) Rechten verhindert oder erschwert wurde: Sei es bei den wenigen „kolonialen Subjekten“, denen im Kaiserreich überhaupt der Aufenthalt und das Verbleiben im Reichsgebiet erlaubt wurde, den einzelnen, meist männlichen Migranten, die als Studierende oder Wissenschaftler handverlesen nach 1951 nach Deutschland kommen oder den wenigen Arbeitsmigranten der DDR, die bleiben durften; oder aber bei den nicht-europäischen Geflüchteten, die seit den 1970er Jahren Deutschland erreichten. Ähnliches gilt für die „Spuren“ von Migrationen, nämlich die Kinder, die während der französischen Besatzung der zwei Weltkriege sowie der amerikanischen Besatzung und Militärpräsenz nach dem Zweiten Weltkrieg gezeugt wurden, sowie die Kinder von „Vertragsarbeitern“, die ebenso meist ohne Vater aufwachsen mussten, da diese keine Aufenthaltserlaubnis in der DDR bekamen oder nach der Wiedervereinigung einfach abgeschoben wurden.

Diese Beispiele zeigen die Verflechtung auch von Migrations- und Rassismusgeschichte an. Diese offenbaren sich besonders in historischen Mikrostudien, welche die strukturell ähnlich verlaufenden Rassialisierungsprozesse für alle als „minder“ betrachteten „Migrationsanderen“ (Mecheril) aufzeigen, sowie die konstant stattfindende Hierarchisierung von Herkunft. Mikrostudien können zudem gut die Imprägnierung des jeweiligen Migrationssystems sowie des widerwilligen Einwanderungslandes Deutschland durch rassistisches Wissen zeigen. Dies hatte vom Kaiserreich, über Weimar, den NS, die BRD und DDR bis heute sehr unterschiedliche Folgen für die Betroffenen – von ungleichen Ausgestaltungsmöglichkeiten von Lebenschancen bis hin zum Recht überhaupt zu leben.

Aus den bestehenden Archiven und den counterstories der Betroffenen lässt sich anhand der Prävalenz rassistischen Wissens historiographisch der rote Faden herausarbeiten, der das Wesen des systemischen Rassismus innerhalb eines nationalstaatlichen Gebildes in seinen möglichen Eskalationsstufen offenbart: von der rechtlichen Hierarchisierung nach Herkunft, der Diskriminierung in Strukturen wie der Bildung, dem Arbeits- und dem Wohnungsmarkt, dem Ausschluss von vollen Bürgerrechten, über Mikroaggressionen im Alltag und öffentliche Performanzen des Andersmachens durch Vertreter*innen des Staates, über rassistische Gewalt durch Einzelne oder organisierte Terrorgruppen, bis hin zu staatlich verübtem Massenmord.

Gerade die Schnittmengen an derartigen Erfahrungen bergen das Potential, die Erinnerungsarbeit an rassistisches Leid als ein gemeinsames Projekt anzugehen, das den systemischen Rassismus aufdeckt, der dahintersteckt und das eben nicht in Opferkonkurrenz münden muss, sondern vielmehr Erinnerungs-Kongruenz herstellen kann.

Das Mural „Gegen das Vergessen“ des Graffiti-Künstlers AKUT in einem hauptsächlich migrantisch geprägten Straßenzug der Mannheimer Innenstadt, an der Front eines Hauses der städtischen Baugesellschaft, die ihre eigene Geschichte von rassistischer Diskriminierung gerade dieser Mieter*innen hat (Alexopoulou 2020: 140-146), erfasst den Geist dieser Gemeinsamkeit: Das Mural zeigt das meterhohe Antlitz zweier Holocaustüberlebender, ihre Mahnung, nicht zu vergessen, und ihre Erinnerung an Leid und Angst, und unten, weniger auffällig, die Abbildung des inzwischen weltberühmten Mannheimer Fotografen Luigi Toscano, der diese fotografiert und interviewt hat, selbst „Gastarbeiterkind“, in der Pose der erhobenen Black Power Fist. 

„Gegen das Vergessen“, Mural des Künstlers AKUT in Mannheim. Foto: Alte Feuerwache gGmbH

2.    Bildungsarbeit

Warum immer das Trennende und nicht das Verbindende betonen – nicht in dem Sinne, dass „die Anderen“ die „deutsche Erinnerungskultur“ als ihre eigene Schuld übernehmen müssen, sondern über alternative Wege? Warum nicht, statt über die Unterschiede von Rassismen und Leid zu sprechen, also sie zu vergleichen, die Punkte hervorheben, in denen sie zusammenkommen und sich historisch treffen oder überschneiden? Das schlug die Leiterin des Zentrums für Antisemitismusforschung Stefanie Schüler-Springorum als Moderatorin eines kontroversen Gesprächs zwischen dem britischen Professor für Postcolonial Studies und Antisemitismusforschung Bryan Cheyette und der deutschen politischen Bildnerin und Politologin Saba-Nur Cheema vor. Es ging um die jeweiligen blinden Flecken dieser beiden Forschungsrichtungen über die jeweils andere, und gleichzeitig auch um das Verhältnis von Jüd*innen, BIPoCs und Muslima/en in Einwanderungsgesellschaften.[4] Die Moderatorin Stefanie Schüler-Springorum verwies dabei auf eine kürzlich wieder in Erinnerung gekommene Geschichte, die das Potential eines solchen Ansatzes aufzeigt: Der von Billie Holiday 1939 aufgenommene Song Strange Fruit, ein „iconic song about racial inequality“, der erstmalig für ein breites Publikum die Lynchmorde in den US-Südstaaten thematisierte, ein großer kommerzieller Erfolg war und später auch eine der Hymnen der Bürgerrechtsbewegung wurde, stammte aus der Feder eines New Yorker jüdischen Lehrers. Abel Meeropol war zu dem Gedicht Anfang der 1930er Jahre inspiriert worden, nachdem ihn eine Fotographie eines gelynchten Schwarzen tief erschüttert hatte. Er selbst war Kommunist und adoptierte später nach der Vermittlung von W.E.B. Du Bois die Kinder eines kommunistischen jüdischen Paares, das während des McCarthyismus wegen Spionage zum Tode verurteilt worden war (Allen 2015). Details vielleicht, die aber die scheinbar klar voneinander getrennten Geschichten der einzelnen von Rassismus und Diskriminierung betroffenen Gruppen zusammenführen. Auch in Deutschland brauchen wir derartige Geschichten von gelebter Solidarität und Kooperation. Verbindende Figuren gibt es hier auch wie May Ayim oder Ignatz Bubis. Eine breite historische Forschung mit einem entsprechenden rassismuskritischen Blick muss sie jedoch erst wieder archäologisch „ausgraben“ und aufarbeiten, um sie der Bildungsarbeit zur Verfügung zu stellen. [5]

Doch vor allem müsste eine solche Forschung das Material dafür liefern, um neue Schulbücher und Curricula zu verfassen, die nicht nur die relevanten Daten und Fakten enthalten, sondern in denen auch die Geschichten von Erfolg und Leid aller hier Präsenten vorkommen, die in den herkunftsdiversen Klassenzimmern und zunehmend auch in den Universitätshörsälen Deutschlands sitzen.

Eine m.E. ebenso wichtige Aufgabe besonders in der Erwachsenbildung wäre zu vermitteln, dass Rassismus nicht primär Sache von politischer Ausrichtung und damit Ideologie ist. Weder ist er nur bei den Rechtsradikalen und sonstigen rechtspolitisch Eingestellten zu finden, noch ist Antirassismus per se mit einer linken politischen Gesinnung gleichzusetzen. Deshalb löscht auch Antifaschismus den Rassismus nicht aus, genauso wenig wie es der „real existierende Sozialismus“ tat.

Rassismus ist auch nicht primär vom politischen System abhängig: Sonst wäre es gar nicht zu erklären, dass er in westlichen, pluralistischen Demokratien existiert, bzw. als sog. Erbsünde in „der“ Demokratie USA eingebaut ist. Rassismus (und Antirassismus) mögen zwar als ideologische Bestandteile politischer Anschauung fungieren und als solche ob ihres emotional/normativen bzw. machtpolitischen Potentials auch immer wieder gezielt eingesetzt werden. Sie sind aber m.E. per se keine Ideologien. Rassismus scheint in erster Linie Ergebnis von Praktiken und durch sie produzierte rassistische Wissensbestände zu sein, die zu Verhältnissen führen, die durch diese Ideologie propagiert oder post facto legitimiert werden. Das doing racism, das Performative von Rassialisierungsprozessen, wie sie historische Mikrostudien nachzeichnen können, legt eine derartige Lesart zumindest nahe. [6]

 

3.    Rassismus- und Zeitgeschichtsforschung

Rassismus-Studien erfreuen sich heute in Deutschland einer Konjunktur wie nie zuvor. Zwar ist rassismuskritische Forschung keine Garantie für eine Verwissenschaftlichung der Debatte: Der aktuelle backlash in den USA und Großbritannien äußert sich gerade darin, dass der Abbau oder gar die Abschaffung von Critical Race Studies gefordert wird (Tharoor 2021). In Deutschland mit seiner exzeptionellen Rassismusgeschichte existieren diese als eigene Denomination oder als Fachbereich universitär allerdings noch nicht einmal.

Die akademische Welt kann zwar Rassismus nicht mehr ignorieren, dafür sind nun zu Viele da, die kompetent darüber forschen, sprechen und auch gehört werden, aber sie kann Rassismuskritik und -forschung weiterhin diffamieren. Gerade deshalb ist es wichtig, auch die akademischen Bedingungen von Rassismusforschung mitzudenken. Immerhin gibt es in Deutschland bislang keinen einzigen Lehrstuhl für Rassismusforschung, in keiner der in Frage kommenden Disziplinen. Angesichts dessen ist wohl auch die Realisierung von solch gut nachvollziehbaren Forderungen wie der von Rudolf Leiprecht und Helma Lutz formulierten weit entfernt, dass nicht nur Rassismus-, sondern auch Antirassismus-Studien, als Untersuchungsgebiet sui generis, universitär etabliert werden sollten. [7]

Welche Bedeutung sollte dabei der historischen Forschung zukommen? Die deutsche Geschichtswissenschaft, insbesondere die Zeitgeschichte sowie auch die historische Migrationsforschung haben zur Rassismusforschung über lange Zeiträume nur wenig Substantielles beigetragen. Das Rassismusverständnis, das in wichtigen, aber letztlich vereinzelten Studien zum Tragen kam, war eng gefasst (Schönwälder 2001, Berlinghoff 2013) und Beiträge von in den USA forschenden Historiker*innen (Höhn 2002, Chin e.a. 2010), die die analytischen Konzepte race und racism auf die bundesrepublikanische Geschichte anwenden, wurden innerhalb der allgemeineren Zeitgeschichte, die Migration und Einwanderung ohnehin nur am Rand behandelt, kaum wahrgenommen. In der DDR-Forschung klafft ein noch größeres entsprechendes Forschungsloch. Zudem hat die Geschichtswissenschaft in Deutschland von der Soziologie zeitgenössisch zur Verfügung gestellte Konzeptionen kritiklos übernommen und deren Erklärungsmuster ohne eigene Untersuchungen einfach reproduziert. Konzeptionen wie Ausländer- bzw. Fremdenfeindlichkeit und Fremdenangst interpretierten die beobachteten gegen Migrationsandere gerichteten Hierarchisierungs-, Diskriminierungs- und Ausschlussmechanismen sowie in Konjunkturen auftretende Gewalt und offen ausagierten Hass als soziale, bzw. psychosoziale Problematik oder gar als anthropologische Konstante. Damit wurden diese Phänomene erklärbar und gleichzeitig auch für die Politik operationalisierbar gemacht, und wurden gleichzeitig normalisiert. Denn letztlich wurden (und werden) sie als Folge von Migration und damit als von außen kommende Probleme gefasst, also externalisiert und damit nicht als endogen und historisch gewachsen betrachtet. Migration, die historisch tatsächlich als anthropologische Konstante zu betrachten ist, wird somit ent-normalisiert. Diese neuen Begrifflichkeiten fungierten gleichzeitig als Barriere, die die historische Dimension der Verflechtung von Migration und Rassismus in Deutschland ausblendeten, eine Barriere, die die deutsche historische Migrationsforschung ebenso durch die klare und an ordnungspolitischen Vorgaben orientierte Periodisierung und Kategorisierung von Migration und Migrant*innen lange Zeit übernommen und reproduziert hat.

Wenn also auch bildungswissenschaftliche, soziologische, politik- und kulturwissenschaftliche Rassismusforschung nicht immer am relativ undifferenzierten und unterkomplexen Narrativ der Gastarbeiter- und Asylmigration festhalten will, die säuberlich in Jahrzehnten aufgeteilt und von Deutschland unerwartet stattfinden; einem Narrativ, das Kolonialrassismus im Osten Europas und in den überseeischen Kolonien bzw. „Schutzgebieten“, Antisemitismus, Gadjé-Rassismus, sowie die Zwangsarbeit in zwei Weltkriegen nicht mittdenkt, dann sollten auch die Nachbardisziplinen der Geschichtswissenschaft sich für originäre, von ausgebildeten Historiker*innen betriebene historische Rassismusforschung stark machen. Der retrospektive Blick ist essentiell, will man sich vor den aufkommenden culture wars wappnen: Denn quellenbasierte und intersubjektiv nachvollziehbare Nachweise zur langen Dauer, den zahlreichen Ausprägungen und Wirkweisen von rassistischem Wissen auf die Einwanderungsgesellschaft Deutschland sind nicht so leicht wegzuwischen.

Und letztlich sollte es allen Disziplinen in ihrer Forschung auch darum gehen zu verstehen, wie Rassismus in post-rassischen, pluralistischen, demokratischen, „color-blind“ Gesellschaften überhaupt möglich ist und welche Voraussetzungen es braucht, um dieses historische Phänomen auch zu einem Ende zu bringen.

Fußnoten

[1] Ein gutes Beispiel war eine (Video)Konferenz, die das Nachbarschaftshaus Urbanstraße e.V. zusammen mit xart splitta e.V. organisierte: Umkämpfte Erinnerungen – Erinnerungskultur in einer Migrationsgesellschaft, 23.3.2021, https://vimeo.com/530872853

[2] https://www.rfm-jahrestagung.de

[3] Dazu erschienen in verschiedenen Medien zahlreiche Beiträge. Siehe als Beispiel einen Radiobeitrag im Deutschlandfunk: Aleida Assmann und Susan Neiman zur Causa Mbembe. Die Welt reparieren, ohne zu relativieren, Moderation: René Aguigah, 26.4.2020, https://www.deutschlandfunkkultur.de/aleida-assmann-und-susan-neiman-zur-causa-mbembe-die-welt.974.de.html?dram:article_id=475512. Eine diese Debatte einordnende Analyse leistet Eckert 2020.

[4] In einem Webinar der Berlin University Alliance am 28.4.2021 mit dem Titel: Antisemitism and Postcolonial Theory: What is the Problem?

[5] Ansätze dafür finden sich etwa in Publikationen wie das von Peggy Piesche herausgegebene Labor 89. Intersektionale Bewegungsgeschichte*n aus West und Ost, Berlin 2021.

[6] Nur zwei gute Beispiele: Hashemi Yekani (2019) und Berlin (2003).

[7] So in einem Vortrag auf dem Workshop „Migration and Racism in the United States and Germany in the 20th Century” am 23.4.2021, der von der Verfasserin am DHI Washington mitorganisiert wurde: https://mar.hypotheses.org.

Literatur

Alexopoulou, Maria. 2020. Deutschland und die Migration. Geschichte einer Einwanderungsgesellschaft wider Willen. Ditzingen: Reclam.

Allen, Erin. 2015. „The Power of a Poem”. The Library of Congress Blog,16. 4.2015. https://blogs.loc.gov/loc/2015/04/the-power-of-a-poem/

Arnold, Sina und Sebastian Bischoff. 2021. „Der kurze Sommer des Postnationalen“, Die Tageszeitung, 17.4.2021.

Berlin, Ira. 2003. Many Thousands Gone: The First Two Centuries of Slavery in North America. 4. print. Cambridge, Mass.

Berlinghoff, Marcel. 2013: Das Ende der „Gastarbeit“: Europäische Anwerbestopps 1970 – 1974. Paderborn: Ferdinand Schöningh Verlag.

Chin, Rita, Heide Fehrenbach, and Geoff Eley, eds. 2010. After the Nazi Racial State: Difference and Democracy in Germany and Europe. Ann Arbor: University of Michigan Press.

Eckert, Andreas. 2020. Postkoloniale Zeitgeschichte?, Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History, 17 (2020), H. 3: 530-543.

Höhn, Maria. 2002. GIs and Fräuleins: the German-American Encounter in 1950s West Germany, North Carolina: The University of North Carolina Press.

Haschemi Yekani, Minu. 2019. Koloniale Arbeit: Rassismus, Migration und Herrschaft in Tansania (1885-1914). Frankfurt: Campus Verlag.

Lierke, Lydia und Massimo Perinelli, Hg. 2020. Erinnern stören. Der Mauerfall aus migrantischer und jüdischer Perspektive. Berlin: Verbrecher Verlag.

Mignolo, Walter D. 2013. “On Comparison: Who is comparing what and why?”. In: Comparison: Theories, Approaches, Uses edited by Rita Felski and Susan Stanford Friedman, 99–119. Baltimore: Johns Hopkins University Press.

Rothberg, Michael. “Comparing Comparisons: From the “Historikerstreit” to the Mbembe Affair.” Geschichte der Gegenwart, 23.9.2020. https://geschichtedergegenwart.ch/comparing-comparisons-from-the-historikerstreit-to-the-mbembe-affair/

Rothberg, Michael. 2021. Multidirektionale Erinnerung Holocaustgedenken im Zeitalter der Dekolonisierung. Berlin: Metropol Verlag.

Schönwälder, Karen. 2001. Einwanderung und ethnische Pluralität: Politische Entscheidungen und öffentliche Debatten in Großbritannien und der Bundesrepublik von den 1950er bis zu den 1970er Jahren, Essen: Klartext.

Schüler-Springorum, Stefanie. 2020a. „Das Untote. Warum der Antisemitismus so lebendig bleibt und ist.“ Kursbuch Überleben 203 (2020): 53-64.

Schüler-Springorum, Stefanie. 2020b. „Missing Links: Religion, Rassismus, Judenfeindschaft“. Jahrbuch für Antisemitismusforschung 29 (2020): 187-206.

Tharoor, Ishaan. 2021. “The U.S. and British Right Ramp up the War on ‘Wokeness’, The Washington Post. 9.4.2021

Thierse, Wolfgang. 2021. „Wieviel Identität verträgt die Gesellschaft?“ Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.2.2021.

Zimmerer, Jürgen und Michael Rothberg. 2021. „Erinnerungskultur: Enttabuisiert dem Vergleich“. Die Zeit. 30.3.2021.