RfM-Debatte 2021: Replik der Initiatorin Maria Alexopoulou

Rassismus als Praxis der langen Dauer. Welche Rassismusforschung braucht Deutschland – und wozu?

Replik der Initiatorin Dr. Maria Alexopoulou

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Vorab will ich mich bei allen Kolleg*innen sehr herzlich bedanken: es war mir eine Ehre mit Euch und Ihnen in den „Debatten-Ring“ zu steigen, auch wenn nur indirekt. Einige von Euch – Helma, Rudolf und Paul – sind schon lange meine Lehrer*innen in deutschsprachiger Rassismustheorie und gelernt habe ich auch wieder in diesem Austausch. Vor allem von Paul Mecherils fulminantem Abschluss und da wieder insbesondere von seiner eindringlich gestellten Frage nach den Motiven rassismuskritische Forschung zu betreiben. Die Antwort darauf mag die Grundlage dafür sein, weshalb wir uns berufen sehen zu sagen: ich nehme eine rassismuskritische Perspektive ein, aus der ich spreche und aus der ich mein akademisches Feld betrachte. Bei mir war es so, dass sich die Undurchdringlichkeit dieses Ganzen verbindet mit meiner tiefen Überzeugung, die wohl jede/r Zeithistoriker*in teilt, dass nämlich das Hier und Jetzt nur aus dem Gestern bzw. aus dem Weg, dem Prozess vom Gestern zum Heute verständlich wird.

Pauls Aufruf zur Selbstreflexion erschüttert dabei – zumindest noch beim ersten und zweiten und dritten Lesen – mein Selbst- und gewünschtes Fremdbild als Wissenschaftlerin, die seit Jahren daran arbeitet, die rassismuskritische Perspektive als unverrückbare auch für die deutsche Zeitgeschichte zu etablieren. Dies tue ich anhand von historischen Quellen, die intersubjektive Nachvollziehbarkeit herstellen können – vor allem auch, wenn es staatliche und amtliche Dokumente sind, die eigentlich nicht für die Augen der Öffentlichkeit gedacht waren. Die rassismuskritische Perspektive hat nichts mit mir zu tun, sondern sie ergibt sich aus der Sache selbst, auch wenn ich oder andere wie ich sie nicht einnehmen und auch wenn sich offenbar Viele weiterhin wünschen, sie möge doch in amnestischer Ignoranz versinken oder in Vermainstreamung verschwinden. Ich habe jahrelang mit Kleinst- und Sisyphusarbeit daran gearbeitet, mich nicht erklären zu müssen, mich nicht exponieren zu müssen, meine Position nicht aus meiner Biographie begründen zu müssen. Denn im Übergang von Aktivismus zu Wissenschaft empfand ich das als Verhängnis: „Sie sprechen aus der Betroffenenperspektive, das ist marxistische Ideologie, das hat mit objektiver Geschichtsschreibung nichts zu tun!“

Andere wiederum verstanden meine Wut nur – und da war und ist eine Wut –, wenn ich auch aus meinem Nähkästchen plauderte, zum Beispiel davon, dass ich wie so viele andere Ausländerkinder trotz guter Noten auf die Hauptschule kommen sollte, oder dass mich einer meiner Heidelberger Geschichtsprofessoren kurz vor dem Examen fragte, was ich denn als „Frau und Ausländerin“ mit einem Geschichts- und Philosophiestudium eigentlich anfangen wolle.

Was machen wir also und warum? Ich stimme fast allem zu, was die Kommentator*innen schreiben: Ja, es sind Rassismen, die alle gesondert zu untersuchen sind und das freilich nicht nur (zeit)historisch (nur eben auch), die große Relevanz für die Geschichte und Gegenwart der betroffenen Gruppen und die Lebensrealitäten von Individuen haben, die aber, und das war mein Punkt, in erster Linie als Teil der Geschichte – und Verantwortung! – der Gesellschaften zu betrachten sind, die sie hervorbringen. Das verbindet auch unsere Arbeit mit dem, was gerade an der polnisch-belarussischen Grenze passiert. Mein genuines Interesse gilt dabei der deutschen Gesellschaft und dieser tiefen Aporie, wie es Antisemitismus und Rassismus – ob es nun ein oder zwei Phänomene sind – hier überhaupt noch geben kann. Dass, wie Noa Ha unterstreicht, die westliche (auch wissenschaftliche) Wissensproduktion überhaupt auf dem Prüfstand steht, ist selbstredend. Den Beweis liefern ja auch schon die Verweise, die Albert Scherr für seine Argumentation vorbringt, Glaubenssätze der „liberalen Universalisten“, die momentan zu den schärfsten Kritikern der Rassismuskritik avanciert sind.

Dass aber der divide lediglich entlang Europa und Nicht-Europa verläuft, halte ich für eine verkürzte Sichtweise, da sie gerade auch diese Spaltung, das divide et impera, das Noa ja kritisiert, noch untermauert. Doch in den Museen der westlichen Metropolen ist auch die geraubte griechische Antike vertreten. Der in der Bayerischen Akademie der Wissenschaften auf einem Gemälde verewigte Orientalist Jakob Fallmerayer erklärte in den 1830er Jahren, dass die zeitgenössischen Griechen, die damals auch recht kolonial von einem bayerischen König, später, bis 1974 und der endgültigen Abschaffung der Monarchie nach der Militärjunta von der Schleswig-Holsteiner Glücksburg Dynastie regiert wurden, inzwischen mit Slaven durchmischt und damit „unreinen Blutes“ seien, so dass von ihrer alten Größe nichts übrig geblieben sei. Deutsche Gelehrsamkeit sah sich ermächtigt, das Erbe der hellenisch-europäischen Zivilisation als Eigenes zu übernehmen, in einem sehr direkten Akt der Appropriation, vielleicht „dem“ europäischen Akt der Appropriation an sich, der dann im Antikenkult des „Dritten Reichs“ kulminierte. Man konnte als Deutscher stolz die Akropolis mit SS-Armbinde besuchen – auch dies Teil meiner Familiengeschichte – und viele Jahre später die Griechen ermahnen, nicht so viel zu feiern und ihre „Hausaufgaben zu machen“, während man sie in einem supra-neo-liberalen Realexperiment disziplinierte. Also wo fängt dieses Europa an, wo endet es?

Wir müssen weiter über den Holocaust und die Folgen sprechen, wir müssen noch viel mehr über die deutsche Kolonialgeschichte, deren Folgen und über Dekolonialität sprechen, aber wir müssen auch über die Zwangs- und Sklavenarbeit in zwei Weltkriegen und den Rassismus gegen Osteuropäer*innen sprechen, der sich lang hinter der Kalten Krieg Rhetorik verbergen konnte und heute hinter „deren“ Rassismus und Antisemitismus zu verschwinden droht; wir müssen auch weiter über den Umgang mit den „Südländern“ sprechen – auch sie exotisiert, begehrt, verachtet, ge-braucht (um Veronika Kourabas zu zitieren), aus denen dann die „Türken“, erst als größte und „fremdeste“, dann als „muslimische“ Gruppe nochmal besonderer Fokus von Rassialisierungspraktiken wurden.

Und wir müssen uns wirklich immer wieder fragen, wie einst Antonio Gramsci – allerdings sitzen wir dabei an behaglichen Schreibtischen –, für wen wir sprechen, mit wem wir sprechen und wofür. Aber um nochmal etwas Anekdotisches zu bemühen: Letzte Woche meinte ein führender Kommunalpolitiker in seiner Eröffnungsrede der Landesausstellung „Arbeit und Migration“ im Mannheimer TECHNOSEUM, dass es ja klar sei, dass sich heutzutage ein Oberarzt persönlich beleidigt fühle, wenn er wegen seines Namens eine Wohnung nicht bekäme; die einfachen Arbeitsmigranten habe das aber damals gar nicht so gestört, deshalb solle man doch mal mit Rassismusvorwürfen nicht so um sich werfen. Rassismuskritik als Luxusproblem also? Dann vielleicht lieber doch „intersubjektiv nachvollziehbare“ Belege und Beweise aus den toten Akten als eigene Betroffenheitsgeschichten?

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