RfM-Debatte 2021: Kommentar von Dr. Noa K. Ha

Antirassismus als (Forschungs-)Praxis ist eine dringende Notwendigkeit für eine plurale Gesellschaft

Initialbeitrag der RfM-Debatte 2021: „Rassismus als Praxis der langen Dauer. Welche Rassismusforschung braucht Deutschland – und wozu“ von Maria Alexopoulou, TU Berlin

Autorin des Kommentars: Dr. Noa K. Ha, DeZIM-Institut, 16.08.2021

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Die RfM-Debatte 2021 „Welche Rassismusforschung braucht Deutschland“ wurde mit einem Initialbeitrag von Dr. Maria Alexopoulou eröffnet. Der Titel ihres Beitrags „Rassismus als Praxis der langen Dauer. Welche Rassismusforschung braucht Deutschland – und wozu?“  verdeutlicht das Anliegen. Mit dem Beitrag interveniert Maria Alexopoulou in eine aktuelle Kontroverse, indem sie grundlegende Fragen aufwirft, die den Diskussionshorizont nicht nur erweitern, sondern auch zu einer Veränderung des Blicks in Richtung auf die praktische Dimension aufruft. Eine solche fokussierte Betrachtung ist eine Einladung zum Nachdenken und zum klärenden Widerspruch.

In meinem Kommentar antworte ich auf diesen Initialbeitrag: „Antirassismus als (Forschungs-) Praxis ist eine dringende Notwendigkeit für eine plurale Gesellschaft“.

Antirassismusforschung mit Zukunftsgestaltung

Ich nehme mit dieser Stellungnahme den Vorschlag der Autorin auf, Rassismus als gesellschaftliche Praxis zu begreifen und die tiefgründige soziale und epistemische Strukturierung dieser Praxis in das Zentrum der Analyse zu stellen. Damit wird eine Abgrenzung zu Forschungen vorgenommen, die Rassismus v.a. als Ideologie analysieren, die lediglich Teile der Gesellschaft betrifft, ohne von gesamtgesellschaftlicher Relevanz zu sein. Zugleich möchte ich eine erweiterte Schwerpunktsetzung vorschlagen. Denn die von Maria Alexopoulou vorgeschlagenen Perspektive der zeithistorischen Forschung und der Betonung auf die Erinnerungsarbeit bleibt unvollständig, wenn Rassismus ausschließlich aus dem Rückblick auf die Vergangenheit und aus der Erinnerung thematisiert wird. Daher möchte ich vorschlagen, sich dem Antirassismus als tätiges Handeln für eine plurale Zukunft zuzuwenden und die Verbindung zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft aktiv in die Antirassismusforschung einzubeziehen. Desweiteren möchte ich den Fokus von Rassismus auf Antirassismus legen. Dabei geht es darum, nicht nur rückblickend Rassismus verstehen zu lernen, sondern auf die Zukunft bezogen zugleich vorausschauend und aktiv antirassistisch zu handeln. Denn m.E. brauchen wir mehr – mehr an Handeln, mehr an Forschung, mehr an Verständnis gegen Rassismus – um eine plurale und demokratische Gesellschaft ins Benehmen zu setzen.

Und ich möchte dazu anhalten, in unseren konzeptionellen Überlegungen und theoretischen Analysen von und über Rassismus nicht vom Konzept der ‚Rasse‘ auszugehen, sondern vom Prozess der Rassifizierung. Um mit diesem Ausgangspunkt der Analyse zu hinterfragen, wie ein Konzept von ‚Rasse‘ gesellschaftlich wirksam wird. Insofern beschränken wir nicht den Ausgangspunkt der Analyse auf die Bestimmung derjenigen, die markiert, stigmatisiert, stereotypisiert und herabgesetzt werden, sondern wir weiten den Blick auf die Prozesse der Machtausübung, der Hierarchisierung und der gesellschaftlichen Machtverhältnisse. Es gilt danach zu fragen, welche Funktion Rassismus (bzw. die Rassismen der verschiedenen Differenzierungs- und Grenzziehungspraktiken) in gesellschaftlichen Kontexten übernimmt. Mit diesem Fokus geraten sowohl die tätigen gesellschaftlichen Praktiken im kulturellen und künstlerischen, im privaten und öffentlichen Bereichen in den Blick – als auch die staatlichen Praktiken der Gesetzgebung, der Bevölkerungsorganisation in Bildung, Arbeit und Wohnungsmarkt.

Rassimus dehumanisiert und tötet

Eine gesellschaftliche Praxis des Rassismus kann in so vielfältiger Weise darüber entscheiden, wer länger lebt und wer früher stirbt. Und in dieser Perspektive geraten die Verflechtungen und Uneindeutigkeiten vermeintlich eindeutiger Gruppenzuweisungen in den analytischen Blick, die auf die Fragilität der Grenzziehungen und ihre gesellschaftliche Praxis verweisen.

Denn: Rassismus tötet. Rassismus dehumanisiert Menschen. Als gesellschaftliche Praxis unterteilt Rassismus in lebenswerte Menschen und un-lebenswerte Nicht-Menschen – die einen leben in der Zone des Seins, während die anderen in der Zone des Nicht-Seins verdammt sind. Das ist nach Frantz Fanon[1] die Funktion von Rassismus, und um diese Praxis zu operationalisieren, ist es nötig Differenzmarkierungen zu ziehen und sie mit Bedeutung und/oder Stigmatisierung sowie gesellschaftlichen Exklusionen bis hin zum Tode zu versehen. Aus dieser Perspektive betrachte ich Rassismus als eine gesellschaftliche Praxis, in die alle eingebunden sind, weil die einen bevorzugt und die anderen ‚betroffen‘ sind und einer erhöhten Gefahr der Diskriminierung, der Gewalt und der Lebensverkürzung (durch physische Gewalt oder psychischen Stress) ausgesetzt sind.

Insofern würde ich Maria Alexopoulou widersprechen: Das Problem besteht weniger in der Praxis des Nebeneinanderstellens der Rassismen – das Problem ist vielmehr, dass diese Praxis der Differenzierung das Ergebnis einer rassistischen ‚Teile und Herrsche‘ Praxis ist, weil Gruppen definiert werden und hierdurch Solidaritäten verunmöglicht werden – und, weil wir (noch) nicht wissen, wie wir eine antirassistische Praxis ausüben könnten.

Geschichte und Gegenwart rassistischer Forschungspraktiken

Und dies gilt insbesondere für eine rassismusforschende Praxis: wie kann eine Forschungspraxis des Antirassismus aussehen? Meines Erachtens geht es hier nicht um ein Mehr an Forschung oder um ein besseres Erfassen bisher unbeachteter Aspekte oder das Schließen von Forschungslücken. Meines Erachtens geht es vielmehr um die wissenschaftshistorische Auseinandersetzung und Aufarbeitung einer rassistischen Forschungspraxis selbst, die Rassismus erfunden, normalisiert und legitimiert hat.

Gerade zu Beginn des 20. Jahrhundert wurden Menschen durch anthropologische Forschungen vermessen, katalogisiert, zugeteilt und ‚Rassen‘ zugeordnet. Der modernen Forschung der Aufklärung lag sowohl die Annahme der Gleichheit der Menschen zugrunde als auch die Annahme, dass es Geographien dieser Erde gibt, in denen keine Menschen leben, weil sie keine Seele haben, weil sie nicht an Gott glauben, weil sie (noch) keine Menschen sind. Und es Geographien einer terra nullius gibt, die es zu ‚entdecken‘ gilt – wie es uns die eurozentristische Erzählung und Erinnerungskultur rund um Christoph Kolumbus heute noch suggerieren.

Wie die außerhalb Europas lebenden Menschen dehumanisiert wurden, davon zeugen die Bestände menschlicher Knochen in der Charité, die Forschungspraxis eines Robert Koch[2], das Lautarchiv der Humboldt-Universität oder anthropologische Haut- und Haarfarbentafeln. Die außerhalb Europas lebenden Menschen wurden nicht nur zu Objekten der Forschung, die es zu vermessen und einzuteilen galt, sondern auch ihrer Subjektivität und Geschichte beraubt. Eine Praxis, die nicht nur auf Menschen, die als koloniale Andere markiert wurden, beschränkt war, sondern auch andere Personengruppen im modernen Europa erfasste – wie sowohl die Geschichte der Juden, Roma und Sinti und Muslime aufzeigt.[3]

Dieser Prozess der Verobjektivierung, also zum Gegenstand von Forschung und Datensammlung zu werden, wirkt bis heute als Dilemma der Rassismusforschung nach, weil die Erhebung von statistischen Daten entlang rassisierender und ethnisierener Kategorien aus datenschutzrechtlichen Gründen problematisch sind, weil verobjektivierte Gruppen sich widerständisch gegen die Vereinnahmung durch Forschung wehren[4] – und – weil die wissenschaftshistorische Dimension rassistischer Eigenlogiken im Wissenschaftsbetrieb (sei es in der medizinhistorischen, in der geographischen, soziologischen oder völkerkundlichen Forschung[5]) noch unzureichend aufgearbeitet, reflektiert und in eine antirassistische Forschungspraxis übersetzt wurden.

Koloniale Gewalt, die Rolle der Museen und die Verantwortung Europas

Wenn wir heute über die Verantwortung der Wissenschaft zur Klassifizierung so genannter menschlicher Rassen und ihrer Legitimation hinausgehen und uns mit den städtischen Infrastrukturen der Wissensvermittlung befassen, dann zeigt sich auch hier, dass die historische Aufarbeitung von Tropenhäusern, zoologischen und botanischen Gärten, von naturkundlichen und technikhistorischen Museen, zur Zeiten des Kolonialismus weitestgehend nicht erfolgt ist (wie z.B. die Geschichte der ‚Völkerschauen‘ als ein Teil zoologischer Gärten). Dennoch zeichnet sich in den ethnologischen Museen derzeit eine umfängliche Debatte darüber ab, wie diese Museen, ihre Inhalte und Praxis heute zu bewerten sind. Die Planung und Eröffnung des Humboldt Forums in Berlin hat mit dem Einzug der ethnologischen Sammlungen eine breite gesellschaftliche Debatte über koloniale Gewalt, die Rolle der Museen und die Verantwortung Europas angeregt – nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen europäischen Ländern. Diese Museen hatten der europäischen aufgeklärten Gesellschaft dazu gedient, die metropolitane/europäische Gesellschaft als Zentrum und Entwicklungsparadigma zu verorten und eine ‚natürliche‘ rassistische Weltordnung zu vermitteln und zu normalisieren.[6] Diese Dimensionen unserer europäischen epistemischen Grundlagen ziehen sich bis heute in unsere städtischen Alltagswelten in den Metropolen Europas und zeugen von der engen Verbundenheit des Kolonialismus und dem anhaltenden Erbe des Rassismus im heutigen modernen Europa.

Eine vor allem in Europa vielfach diskutierte Frage ist das Verhältnis von Migration und Rassismus. In der Tat kann Rassismusforschung nicht ohne Migrationsgeschichte konzipiert werden. Hierbei geht es um die Zentrierung der kolonialen und imperialen Migration der Europäer in die Welt auf der Grundlage expansiver und zivilisatorischer Missionen, die nachhaltige Konsequenzen für den Globus hatte.[7] Aber auch die Migration der Europäer zurück in die ‚Mutterländer‘ nach dem formalen Ende des Kolonialismus ist eine bislang unterforschte Migrationsgeschichte, die Andrea Smith als unsichtbare Migration bezeichnete.[8]

Von der Erinnerungspolitik zum transformativen Handeln

Eine (Forschungs-)Praxis, die sich dem Antirassismus verpflichtet sieht, beschränkt sich nicht nur auf die zeithistorische und erinnerungspolitische Dimension der rassistischen Nachlassenschaften in der heutigen Gesellschaft, sondern bemüht sich um evidenzbasierte Forschung um institutionelles Handeln in transformatives Handel für eine plurale Gesellschaft zu befördern und zugleich eine Reflektion der eigenen sozialwissenschaftlichen Evidenzgenerierung zu leisten.

Hierfür ist es unbedingt notwendig eine Stärkung und einen Ausbau der wissenschaftlichen Strukturen, mit Blick auf Professuren und Denominationen, auf Studiengänge, Graduiertenpogramme und Grundlagen- und anwendungsbezogener Forschung, zu leisten und auf die Füße zu stellen. Obwohl wir in Deutschland unter dem Paradigma eines ‚Nie wieder!‘ uns gegen Rassismus versammeln, zeugen die rassistischen Gewaltakte im frühen wiedervereinigten Deutschland in Hoyerswerda, Mölln, Solingen und Rostock, die langanhaltende Mordserie der NSU, die Gewaltakte von Hanau und Halle sowie die überwältigen Proteste gegen Rassismus im Zuge der ‚Black Lives Matter‘ Bewegung von der Dringlichkeit, als Gesellschaft eine antirassistische Praxis zu entwickeln, die einen Zugang zu Geschichte, zu Wohnen, zu Arbeit, zu Bildung und zur Nation demokratisiert, die auf einem pluralen Selbstverständnis beruht.

Und es ist erstaunlich und beunruhigend, wie wenig wir über die gesellschaftliche Praxis des Rassismus wissen, um hier wirksam gegen Rassismus handeln zu können. Denn das haben die letzten Jahre uns vor die Füße gelegt, wir können nicht mehr die bequeme Annahme verfolgen, dass Rassismus eine Frage der individuellen Vorurteile sei, sondern zutiefst die gesellschaftlichen Besitz- und Machtverhältnisse strukturiert und auch unintendierte rassistische Effekte erzeugen kann.


Literatur- und Quellenangaben


[1] Fanon, Frantz. 1967. Black Skin, White Masks. 1952.

[2] Vgl. Gastbeitrag von Prof. Dr. Zimmerer zu den Menschenexperimenten von Robert Koch: https://www.spiegel.de/geschichte/robert-koch-der-beruehmte-forscher-und-die-menschenexperimente-in-afrika-a-769a5772-5d02-4367-8de0-928320063b0a

[3] Goldberg, David Theo. 2006. „Racial Europeanization“. Ethnic and Racial Studies 29 (2): 331–64.

[4] Ketzmerick, Maria. 2019. 5.3 Forschungsethik: Das postkoloniale Dilemma. Staat, Sicherheit und Gewalt in Kamerun. transcript Verlag. https://www.degruyter.com/document/doi/10.14361/9783839449042-020/html. Und auch hier: Charter of Decolonial Research Ethics https://decolonialityeurope.wixsite.com/decoloniality/charter-of-decolonial-research-ethics

[5] Hier sind jedoch die Dezentrierung und Selbstreflexion des forschenden Subjekts seit der Intervention von Clifford Geertz in den 1970er Jahren als postkoloniale Forschungspraxis einzuordnen

[6] Vgl. hierzu die umfänglichen Debatten des International Council of Museums zur Definition des Museums: https://icom.museum/en/news/icom-announces-the-alternative-museum-definition-that-will-be-subject-to-a-vote/

[7] Joaquim Elói Cirne de Toledo Júnior, und Encarnación Gutiérrez Rodríguez. 2021. „Entangled Migrations The Coloniality of Migration and Creolizing Conviviality“. Maria Sibylla Merian International Centre for Advanced Studies in the Humanities and Social Sciences Conviviality-Inequality in Latin America. https://doi.org/10.46877/rodriguez.2021.35.

[8] Smith, Andrea. 2003. Europe’s invisible migrants. Amsterdam: Amsterdam University Press.

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