Stellungnahme von Werner Schiffauer zur DEVI-Studie: Bestandsaufnahme Konfrontative Religionsbekundungen in Neukölln.

von Prof. Dr. Werner Schiffauer, 25.01.2022

Die vollständige Stellungnahme mit Anhängen als PDF

Vorbemerkung

Die Studie besteht im Wesentlichen aus der Wiedergabe von Zitaten bzw. der inhaltlichen Wiedergabe von Gesprächen mit Hort- und Schulleitungen. Erfasst wurden zehn Schulen. Die Wiedergabe ist anonymisiert; aus Anonymisierungsgründen wird auch völlig darauf verzichtet, die Schulen genauer zu lokalisieren. Die Studie wurde offenbar im Zusammenhang mit der Auseinandersetzung über das Berliner Neutralitätsgesetz erstellt.

Ich bin die vorgebrachten Argumente Punkt für Punkt durchgegangen. Dabei habe ich insbesondere unterschieden zwischen:

  1. sozialräumlichen Argumenten, die auf die Lage der Schulen in sozialen Brennpunkten abheben
  2. Argumenten, die Bezug auf Konflikte nehmen, die nicht religiös begründet sind und dies von
  3. den Argumenten unterschieden, die Bezug auf Religion nehmen, sprich: Islam insgesamt und auf konfrontative Religionsbekundungen im Besonderen.

Wenn man als Leser diese Arbeit auf sich nimmt, die eigentlich die Arbeit der Verfasser hätte sein müssen, kommt man zu dem eindeutigen Ergebnis, dass sich konfrontative Religionsausübung auf wenige Einzelfälle beschränkt und insgesamt in deutlichem Rückgang begriffen ist.

Einschätzung der Studie

1. Studie gibt Gesprächsinhalte genau wieder

Der Studie ist offenbar daran gelegen, die Gesprächsinhalte genau wiederzugeben. Dies bedeutet auch, dass die Passagen in den Gesprächen, die sich nicht mit konfrontativer Religionsausübung, sondern z.B. mit sozialräumlichen Bedingungen befassen, wiedergegeben sind. Dies ist begrüßenswert, erlaubt es doch eine differenzierte Auseinandersetzung mit den wiedergegebenen Argumentationen.

 

2. Nicht-religiöse Konflikte werden auf Religion zurückgeführt

Dieser Stärke folgt sogleich eine Schwäche: Der Begriff „konfrontative Religionsausübung“ wird nirgendwo definiert. Deshalb bleibt unklar, was genau darunter gefasst wird. Ein Hinweis geben allerdings die Unter-Überschriften „Lebensregeln des Islam“; „Umgang mit anderen Religionen und Minderheiten“, „Geschlechterrollen und Sexualität“ und „Besondere Vorkommnisse und Radikalisierungstendenzen“. Der befragte Themenumkreis ist schon auf den ersten Blick sehr weit: Vor allem aber bleibt unklar, wo nach Meinung der Verfasser der Unterschied von Religionsausübung schlechthin und konfrontativer Religionsbekundung besteht. Damit wird die Argumentation schwammig:

Ein Beispiel: Auf Seite 13 wird im Abschnitt „Umgang mit anderen Religionen und Minderheiten“ ein „zunehmend territoriales“ Verhalten der Schüler aufgeführt und thematisiert, dass die Aufstellung beim Fußball entlang ethnischer Linien erfolgt: „Nur Araber dürfen beim Fußball mitspielen. Nur Türken dürfen mit ins Gebüsch“. Dieses Verhalten mag problematisch sein, aber Religion spielt dabei keine Rolle: Die Aufteilung ist schließlich nicht entlang von Christen und Muslimen oder Aleviten und Sunniten, sondern entlang von ethnischen Gruppen. Ebenso Seite 12: Hier ist die Rede von „Erzfeinden“ – aber auch da geht es um ethnische und nicht religiöse Gruppen. Ein drittes Beispiel: Es wurde beobachtet, dass Kinder Israel aus dem Atlas rausschneiden und übermalen wollen. Dies wird zu Recht als klare Infragestellung des Existenzrechts Israels thematisiert. Das ist natürlich problematisch, aber es ist eine politische und keine religiöse Äußerung. Es ist keine Rede vom Dschihad, oder der Thematisierung von Juden als „Ungläubige“. Zweimal wird außerdem Kriminalität im Zusammenhang mit „Clans“ und „Gangs“ angesprochen (5, 17), aus der in einem Fall eine Bedrohung abgeleitet wird (17). Auch dies hat selbstredend nichts mit dem Islam zu tun. Von einer Schulleitung wurde darüber hinaus erklärt, dass Konflikte, „die auf den ersten Blick einen religiösen Hintergrund haben nicht unbedingt wirklich religiöser Natur sind“ (8). Dies ist ein zentraler Einwand, der zwar als solcher benannt, dem aber in der Studie selbst kein Raum gegeben wird (9). Insgesamt gibt es keinen einzigen Hinweis auf religiös begründete Gruppenkonflikte.

Die unzureichende Differenzierung ist nicht nur methodisch problematisch. Sie verweist auch auf eine Brille. Letztendlich werden sehr viele in der Tat problematische Entwicklungen in Einwanderervierteln in den Zusammenhang mit dem Islam gestellt, auch wenn sie ursächlich nichts damit zu tun haben.

Der bereits zitierte Hinweis einer Schulleitung, nämlich das Argument, dass nicht jeder Konflikt der auf den ersten Blick als religiös erscheint, nicht unbedingt religiös ist (8) benennt eine zentrale Herausforderung für eine Stelle, die eine Dokumentation religiös verursachter Konflikte anstrebt. Um dies an einem anderen Beispiel zu illustrieren: Neonazis geben sich gerne als Verteidiger der deutschen Kultur aus. Niemand käme aber auf die Idee, rechtsradikale Konflikte aus der deutschen Kultur heraus zu erklären. Wenn man die Differenz zwischen der Codierung von Konflikten und eigentlichen Konfliktursachen nicht macht, verzerrt man nicht nur die Analyse, sondern verbaut auch den Weg für adäquate Lösungen.

 

3. Der Kontext fehlt

Eine weitere grundsätzliche Schwäche des Papiers besteht darin, dass die Gespräche nicht kontextualisiert werden. Damit wird es unmöglich gemacht, die Zitate einzuordnen. Man weiß nicht, mit welcher Schule man es zu tun hat, wie die konkrete Nachbarschaft aufgestellt ist oder wie die Schulatmosphäre ist etc. Auch weiß man nicht, wie Susann Worschech („Pseudowissenschaft für das Bezirksamt“, Europa Universität Viadrina 2022, unveröffentlichtes Manuskript) zu Recht kritisiert hat, wie die Auswahl der Schulen zustande gekommen ist. Auf Seite 8 sagt die Schulleitung der Krokus-Schule, dass sie kein Problem hat – und führt dies auf die Qualität der schulischen Arbeit zurück. Damit ist eine These formuliert, der in der Studie nicht nachgegangen wird: Liegt es an der Qualität der Arbeit der Schule oder an der Zusammensetzung der Schülerschaft, wenn sich Konflikte nicht bewältigen lassen? In der Untersuchung, die wir im Zusammenhang mit dem Projekt „Schule, Moschee, Elternhaus“ (Schiffauer, Schule, Moschee, Elternhaus, Berlin, Suhrkamp 2015) durchgeführt haben, wurde die entscheidende Rolle, die die Stimmung unter Kollegen und Schulleitung für den Umgang mit Konflikten spielt, deutlich.

 

4. Explizite Voreingenommenheit

Eine weitere Schwäche liegt in der expliziten Voreingenommenheit. Dies wird besonders deutlich auf Seite 18. Offenbar wurden die Interviewpartner gezielt auf den Mord an Samuel Paty angesprochen. Dies wurde jedoch von den Gesprächspartnern nicht aufgenommen – wohl, weil es keine diesbezüglichen Probleme an den Schulen gab. In einem Fall wurde gesagt, dass die meisten Schüler den Mord ablehnten – und zwar aus religiösen Gründen (!). Einige Schüler hätten sich zwar bedenklich geäußert, aber die Schüler, die Probleme bereiteten, seien meist die, die über ein gering ausgeprägtes religiöses Verständnis verfügen (18). Diese Aussagen passten offenbar nicht zu den Vorannahmen der Verfasser. Jedenfalls wurde auf einen Tagesspiegelartikel zurückgegriffen, der ebenfalls keine harten Vorkommnisse zu berichten hatte, sondern Bezug auf die Ängste von Lehrern im Vorfeld einer angesetzten Gedenkveranstaltung nahm (18). Die Autoren reproduzieren damit die im medialen Diskurs existierenden Vorannahmen, anstatt sie kritisch zu überprüfen.

Diese Voreingenommenheit drückt sich auch darin aus, dass Argumente, die der generellen Stoßrichtung des Papiers nicht entsprechen, zwar genannt werden (dies ist verdienstvoll), ihnen aber nicht weiter nachgegangen wird. Insgesamt sind religiös begründete Forderungen zurückgegangen: In einer Schule wurde vor einigen Jahren ein Gebetsraum gefordert, das sei in der letzten Zeit kein bedeutsames Thema mehr gewesen (S. 11, ebenso S. 29). Dieser Rückgang ist noch deutlicher in Bezug auf den Themenpunkt konfrontative Religionsausübung: Auch Tendenzen zu einem politischen Islam waren offenbar eher in der Vergangenheit wichtig als in der Gegenwart (17). Die Schulleitung der Tulpen-Schule konstatiert: „Religiös konnotierte Konflikte finden statt, werden aber in letzter Zeit seltener“ (28). In einer Schule wird islamischer Religionsunterricht gefordert, um einen besseren Umgang mit religiös kodierten Konflikten zu finden (23). All dies sind Argumente, die der Stoßrichtung der Untersuchung insgesamt widersprechen. Da sie allerdings nicht näher ausgeführt werden, gehen sie unter.

Die Forderung, eine Dokumentationsstelle für Religionskonflikte einzurichten, wird zu einem Zeitpunkt laut, in dem solche Konflikte abnehmen. Dies deutet darauf hin, dass die Initiative nicht aus der Sache heraus entstanden ist, sondern aus politischen Gründen. Dies ist eindeutig zu benennen: Es ist der anstehende Gang zum Bundesverfassungsgericht im Streit um das Berliner Neutralitätsgesetz. Dort soll nachgewiesen werden, dass der Schulfrieden nicht nur in zu prüfenden Einzelfällen, sondern in aller Regel durch religiöse Konflikte gefährdet sei.

 

5. Unkritische Wiedergabe von Äußerungen

Problematisch ist die völlig unkritische Wiedergabe der Äußerungen. Bloße Vermutungen werden nicht von evidenzbasierten Aussagen unterschieden. Dies gilt unter anderem für die Behauptung einer „wachsenden Rolle der Moscheen“ (5). Weder werden die Moscheen benannt, noch herrscht Einigkeit über die Frage, wie viele Kinder tatsächlich dort hingehen. Stattdessen steht Vermutung gegen Vermutung: Die Aussage, „es gibt ganz viele die da hingehen“ (Schulleitung Anemonen Schule) steht neben der Aussage „es gebe wenige Kinder, die hingehen“ (Hortleitung Maiglöckchen Schule). Die Aussage über eine wachsende Einflussnahme „durch reaktionäre Kräfte, insbesondere durch den Ausbau der Moscheen“ (Lupinen Schule) steht neben der Aussage der Anemonen Schule, dass „schwer zu sagen“ ist, wie groß der Einfluss von Moscheegemeinden auf die Kinder ist. Man hat den Eindruck, dass es bei einigen Schulleiter*innen die Tendenz gibt, jede beobachtbare Zunahme konservativer Religion zunächst auf einen erstarkenden Einfluss „problematischer“ Moscheen zurückzuführen. Dies ist nicht ausgeschlossen, aber angesichts der Tatsache, dass nach der (durchaus selbstkritischen) Schätzung des Neuköllner Imams Taha Sabri von den Moscheen nur 5% der muslimischen Bevölkerung erreicht werden, eher unwahrscheinlich. Wahrscheinlicher ist, dass ein Erstarken konservativer Religion eher mit der Rolle zu erklären ist, die Religion für Prozesse der Selbstvergewisserung und des Empowerments von Migranten spielt. Dies war beispielsweise bei der religiösen Bewegung der Fall, die Anfang der siebziger Jahre unter der Gastarbeiterbevölkerung von unten einsetzte und die sich in einer Welle von Moscheegründungen ausdrückte.

Wenn dies so ist, dann hat die Studie eine sehr problematische Stoßrichtung. Sie läuft auf eine Konfrontation mit den Elternhäusern hinaus. Statt nach einem pädagogisch zwingend geforderten Miteinander zu suchen, wird ein Kulturkampf mit den Elternhäusern zumindest in Kauf genommen. Auch (oder gerade) sie werden mit der Dokumentationsstelle an den Pranger gestellt. Die Leidtragenden sind vor allem die Kinder, die notwendigerweise zwischen die Fronten geraten. Dies steht in eindeutigem Widerspruch zu der Kooperation mit den Elternhäusern, die im Schulgesetz vorgeschrieben ist.

 

6. Homogenisierung des Interviewmaterials

Eine weitere Schwäche liegt in der Homogenisierung des Interviewmaterials. Nach eigenen Erkenntnissen (Schiffauer 2015, a.o.O.) sind die meisten Kollegien keineswegs einer einhelligen Meinung. Vielmehr sind unterschiedliche Positionierungen im Kollegium die Regel. Auch weicht die Meinung von Lehrern oft von der der Schulleitungen ab. Dies wird auch auf Seite 22 und Seite 39 explizit thematisiert. In der Bestandsaufnahme hingegen werden die Äußerungen von Schulleitungen immer wieder als Äußerungen von Schulen insgesamt dargestellt. Angesichts dieser Diskrepanz wäre es hochinteressant, den Test zu machen und die Interviews mit den Schulleitungen an den jeweiligen Schulen zur Diskussion zu stellen.

 

7. Studie hat Suggestivkraft

Da Zitate, die sich auf konfrontative Religionsbekundung beziehen undifferenziert neben solche gestellt werden, die sich auf Religionsausübung an sich, nicht-religiöse, ethnische oder politische Konflikte oder auf sozialräumliche Probleme beziehen, wird der/die Leser mit einer Vielzahl von Argumenten bombardiert. Diese vermitteln zu Recht den Eindruck, dass die Schulen in Neukölln mit einer Fülle von Problemen zu tun haben; sie vermitteln jedoch fälschlicherweise den Eindruck, dass konfrontative Religionsbekundung dabei eine maßgebliche Rolle spielt. Diese Suggestivkraft der Studie hat die journalistische Berichterstattung und das politische Echo geprägt.

 

8. Vorfälle werden nicht datiert

Besonders problematisch ist, dass die Autoren keinen Versuch gemacht haben, die Vorfälle zu datieren. Einige liegen einige Jahre zurück. Datierung ist aber entscheidend, wenn man die Zuspitzung der Lage belegen will.

 

9. Kritische Überprüfung fehlt

Die Bestandsaufnahme verzichtet völlig auf eine kritische Überprüfung von imaginären Szenarien. Auf Seite 35 wird eine Schulleitung folgendermaßen wiedergegeben: „Die Schulleitung könne auch keine Kolleginnen, die Kopftuch tragen, einstellen, selbst wenn sie den liberalsten und tollsten Unterricht leisten würden, denn die Wirkung des Kopftuchs sei derart, dass Kolleginnen, die sich säkular kleiden, von den Schüler*innen als Schlampen beschimpft würden“. Dies wäre an Beispielen zu überprüfen – etwa an vergleichbaren Brennpunktschulen im Ruhrgebiet, wo Lehrerinnen mit Kopftuch tätig sind. Genauso plausibel ist ja die Gegenhypothese, dass eine Schulkultur, bei der die Schüler erleben, dass Lehrer*innen, die sich religiös unterschiedlich positionieren, respektvoll miteinander umgehen demokratie- und toleranzfördernd ist. Da dies nicht geschieht, wird die subjektive und unter Umständen politisch motivierte Meinung einer Schulleitung als erfahrungsgesättigte Einschätzung präsentiert.

 

Abschließende Würdigung

Es wird deutlich, dass die Schulen in einem schwierigen Umfeld operieren, sprich in sozialen Brennpunkten. Die Familien, aus denen die Kinder kommen, haben vielschichtige Probleme. Arbeitslosigkeit, Prekarität, Belastung durch Delinquenz, Suchtproblematiken und Gewalt. Dies belastet selbstverständlich die Schule.

Konfrontative – also auf Konflikt gebürstete – Religionsbekundung spielt nur in wenigen Fällen eine Rolle. Ernst zu nehmen sind Hinweise auf männliches Dominanzverhalten, das sich religiös legitimiert. Es werden mehrere Fälle berichtet, wo es zum Mobbing von Mädchen kam, die sich dem muslimischen Dresscode nicht unterordneten.

Die meisten Irritationen auf Seiten der Lehrer*innen beziehen sich auf die hinlänglich bekannten Themen Dresscode und Kopftuch, Fasten im Ramadan, Beten (wobei die Forderungen nach einem Gebetsraum nur an einer Schule überhaupt eine Rolle spielt), Schwimm- und Sportunterricht und Teilnahme an Sexualkundeunterricht. Bei den Erklärungen werden hauptsächlich die Elternhäuser benannt. Gelegentlich gibt es Hinweise auf Moscheegemeinden, die jedoch wie bereits oben festgestellt, wenig belegt sind. Nur ein Fall der Einflussnahme eines „moscheenahen“ Vereins wird präziser beschrieben. Dieser liegt aber „ein paar Jahre“ zurück (25) und konnte pädagogisch aufgefangen werden (26).

Wichtig ist, dass es keine Hinweise auf religiöse Gruppen- und Lagerbildung bei den Schülern (wohl aber auf ethnische) gibt. Es wird kein einziger harter Fall von Konflikten durch das alltägliche Zusammentreffen der unterschiedlichen Religionen im Schulalltag geschildert. Religiös bedingte Gruppenkonflikte werden nicht genannt; einige Schulleiter sagen explizit, dass sie an ihrer Schule nicht existieren. (36,38) Es gab in der Vergangenheit offenbar mehrere Fälle von salafistischer Werbung oder auch eine Ausreise in IS-Gebiete. All dies ist spürbar zurückgegangen (26, 28).

Es wird nur ein einziger Fall von kürzer zurückliegendem (allerdings auch nicht datierten) provokativem Auftreten geschildert, bei dem ein Mitarbeiter als „ungläubiger Hund“ beschimpft wurde und der Schüler Amok-Drohungen ausstieß (16). Vor allem Letzteres verweist darauf, dass eher psychische als religiöse Probleme entscheidend waren. Auch dies wird nicht überprüft.

Es ist verdienstvoll, wenn in der Studie die Problematik des Mobbings angesprochen wird. Dies ist auf keinen Fall hinzunehmen. Die Studie liefert jedoch keinen Beleg dafür, dass dies auf den Islam, wie er von den islamischen Organisationen vertreten wird, zurückgeführt werden kann.

Diese Frontstellung gegen den Islam bedeutet aber vor allem, dass die islamische Gemeinden, die bei der Bewältigung der Probleme als Gesprächs- und Bündnispartner eine Rolle spielen könnten, systematisch brüskiert werden. Diese Gemeinden sind nach Maßgabe ihrer Möglichkeiten, durchaus bereit in Konflikten, bei denen Schüler religiös argumentieren, zu vermitteln. Dies haben unter anderem die Religionslehrer der Islamischen Föderation unter Beweis gestellt, wie eine Umfrage von mir unter Schulleitern ergab. Die Gemeinden positionieren sich eindeutig, wenn es um die Verhinderung von rassistisch oder ethnisch begründete Konflikte geht, bei der Bekämpfung von Bashing (kein Bashing gegen niemand), beim Engagement für interreligiösen Dialog, in dem Engagement gegen Straßen- und Gang-Gewalt. Viele Gemeinden unterstützen außerdem die Schulkarrieren der Kinder (und zwar explizit auch der Mädchen), z.B. durch die Organisation von Nachhilfekursen. Auch wenn dieses Engagement auf Grund der materiellen Ressourcen der Gemeinden begrenzt ist – es beruht ausschließlich auf Ehrenamt – ist die Ausrichtung doch eindeutig.

In dem von der Stiftung Brandenburger Tor geförderten Projekt „Schule, Moschee, Elternhaus“ haben wir in den Jahren 2008-2012 versucht auszuloten, wie aus dem pädagogisch katastrophalen Gegeneinander dieser Akteure ein Miteinander werden könnte. Das Projekt musste sich auf die Kreuzberger Schulen konzentrieren. Den Schulen in Neukölln wurde dagegen von dem damaligen Bezirksbürgermeister Buschkowsky und dem Integrationsbeauftragten ganz im Sinne eines konfrontativen Säkularismus abgeraten, mit den als problematisch eingeschätzten Gemeinden auch nur zu reden.