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Leerstelle jüdische Gegenwart, Leerstelle Israel: Gojnormativität, Antisemitismus- und Rassismusforschung

Zum Initialbeitrag von Sina Arnold und Juliana Karakayali

Kommentar von Prof. Dr. Dani Kranz und Ina Schaum

„Alltagserfahrungen, die Juden:Jüdinnen mit gegenwärtigem Antisemitismus machen, sind allerdings bisher nur selten Gegenstand wissenschaftlicher Auseinandersetzung“ (Arnold/Karakayalı 2024, S. 3).

Dieses Zitat aus dem Initialbeitrag der Ethnologin Sina Arnold und der Soziologin Juliane Karakayalı (2024) greift das eigentliche Hauptproblem der kaum existierenden Verbindung von Antisemitismus- und Rassismusforschung im deutschsprachigen Raum auf: Antisemitismus wird erst seit 2017 aus jüdischer Perspektive erforscht (Zick et. al. 2017).[1] Doch die empirische Erforschung aus Sicht der Betroffenen bleibt die Ausnahme. Insgesamt dominieren historische Arbeiten das Feld. Auch Antisemitismus in der Gegenwart wird größtenteils aus gojischer, das heißt nichtjüdischer, Perspektive beleuchtet. Es herrscht also sogar in der Erforschung von Antisemitismus eine gojnormative Perspektive vor, was dazu führt, dass Antisemitismus als strukturelle Kontinuität oft nicht erkannt und lediglich als Ressentiment verstanden wird (Chernivsky/Lorenz-Sinai 2023). Eine Sicht auf gegenwärtigen Antisemitismus aus jüdischer Sicht gerät aus dem Blick. Es führt auch zu einem blinden Fleck bezüglich Erfahrungen von israelbezogenem Antisemitismus und wie dieser die Lebensrealität von gegenwärtigen, in Deutschland lebenden Juden prägt.[2] Die beiden Aktivistinnen Judith Coffey und Vivien Laumann (2021) haben das Konzept der Gojnormativität entwickelt, um darzustellen, dass die gojische – die nichtjüdische –  Perspektive die privilegierte Norm ist, während die jüdische Perspektive als Abweichung wahrgenommen wird, die zudem weder mitgedacht noch überhaupt gesehen wird. Goj ist ein jiddischer Begriff für einen Mensch, der kein Jude ist. Man hat meist weder Wissen über Juden noch rechnet man damit, welchen zu begegnen (Bernstein et. al. 2020; Kranz 2024a). In diesem Sinne verwundert es, dass die beiden Autorinnen zwar die zahlreicher werdenden jüdischen Stimmen aus der Zivilgesellschaft erwähnen (Arnold/Karakayalı 2024, S. 3), aber nicht die jüdischen Wissenschaftlerinnen, die sich mit der jüdischen Gegenwart und jüdischen Perspektiven auf jüdische Lebenswelten befassen (Kranz 2022; 2024a). Diese Gegenwartsforscher, die in der Mehrheit übrigens Juden sind, gibt es durchaus (Ross/Kranz 2023). Und auch diese werden übersehen, ein weiterer Beleg für Gojnormativität, da ihre Fragen und Themen nicht in den gojischen Mainstream passen. Wenn auch reflektiert, findet sich in ihrer Forschung, wie in jeder anderen auch, die Biographie und Positionierung der Forscher wieder (Rubin 2021). Das gilt auch für die nichtjüdischen Gegenwartsforscher, die jüdische Perspektiven nachzeichnen: Sie sind im stetigen Austausch mit Juden, ihre Interpretationen und Konzepte jüdischer Gegenwart werden von Juden selbst herausgefordert (Schaum/Kranz 2024; Schaum 2022).

Positionierung im Sinne der Standpoint Theory (z. B. Haraway 1988; hooks 1984; Rich 1986) wurde in feministischer Literatur ab den 1980ern diskutiert – nur wurde diese Logik erst mit viel Zeitverzögerung in die akademische Arena von Studien zu Juden übersetzt. Es liegen spezifische lokale Besonderheiten vor, die die Agnotologie (Proctor/Schiebinger 2008) um lebende Juden aufrechterhalten. Es gibt bis dato keine einzige Professur mit der Widmung jüdische Gegenwartsforschung, die Judaistik und die Jüdischen Studien sind in der Vergangenheit verhaftet (Kranz/Ross 2022, 2024). Die in den USA arbeitende, aber in Frankfurt aufgewachsene Kulturwissenschaftlerin Liliane Weissberg fragte schon 2008, ob es sich in Deutschland um Jewish oder Gentile Studies[3] handele. Ein Interviewpartner von mir (Dani Kranz) und Sarah M. Ross bemerkte noch 2021, dass man sich als Nichtjude, der sich mit Antisemitismus befasst vor allem mit sich selbst und dem Blick von außen auf Juden auseinandersetzt, aber nicht mit Juden selbst (Kranz/Ross 2024). Das von Arnold und Karakayalı (2024, S. 3) bemerkte Fehlen der lebensweltlichen Antisemitismusforschung muss im Zusammenhang mit der spezifischen akademischen Strukturen nach 1945 verstanden werden: in Bezug auf Juden ähnelt das einer negativen Methodologie. Die Anthropologin Yael Navaro (2020) prägte diesen Begriff in Bezug auf Forschung an Orten, an denen eine ethnische oder soziale Gruppe Opfer von Massengewalt geworden war: Wie forscht man über diese, wenn nur noch materielle, verlassene Kulturgüter vorhanden sind? In dieser Logik wurde auch über Juden in Deutschland nach 1945 geforscht, mit dem entscheidenden Unterschied, dass die kleine jüdische Minderheit nicht tot ist und sich in der Zivilgesellschaft und Wissenschaft verstärkt zu Wort meldet. Der erlebte Antisemitismus ist ein den Alltag von Juden strukturierendes Element, dass in einer langen gewaltdurchdrungenen Kontinuität steht, die als Teil des Familiengedächtnisses tradiert wird (Chernivsky/Lorenz-Sinai 2023, 2024). Ohne die Integration der erlebten und gelebten jüdischen Erfahrung kann Antisemitismus nur aus der Außenperspektive begriffen werden, ebenso wie Rassismus ohne die erlebte Rassismuserfahrung nicht als Binnenperspektive erfahrbar wird. Wer, wenn nicht Juden selbst, kann sagen, wo die Intersektionen zwischen Antisemitismus und Rassismus aus ihrer Sicht liegen und wie Judäophobie (DellaPergola 2024), die Antijudaismus (Nirenberg 2013) und Antisemitismus umschließt, sich äußert? Dass die Außenperspektive und Täterforschung nicht ausreichend und jüdische Erfahrungen mitgedacht werden müssen, ist nach dem 7. Oktober 2023 noch offensichtlicher. Allerdings sollte das nicht darüber hinwegtäuschen, dass Antisemitismuserfahrungen mit und ohne Israelbezug schon vor dem 7. Oktober 2023 weitverbreitet waren (Bernstein et. al. 2020; Bernstein 2021; Haviv-Horiner 2022; Kranz/Zalashik 2024; Ofek 2023; RIAS 2023, 2024; Steinke 2021). Um diese Erfahrungen und deren Bedeutung für Juden begreifen zu können, muss man Juden emisch verstehen und die vorherrschende Gojnormativität reflektieren, die auf der Ungleichheit zwischen jüdischer Minderheit und nichtjüdischer Mehrheit beruht. Hier muss erwähnt werden, dass zwischen Juden und Israelis als Zielen von antisemitischem Hass kein Unterschied gemacht wird – Juden werden zu Repräsentanten von Israel, Israelis zu Repräsentanten der israelischen Regierung. Anders gesagt: Man muss etwas über Juden selbst aus jüdischer Perspektive und über Antisemitismus hinaus wissen, um Intersektionen von Antisemitismus, Rassismus, Antislawismus, Antiisraelismus etc. sinnstiftend verbinden zu können. Es sei hier der Irritation Raum verliehen, dass im Beitrag von Arnold und Karakayalı das Massaker des 7. Oktober 2023 und die eklatante Bedrohungssituation überhaupt nicht erwähnt werden, der sich Juden generell und der jüdische Studierende und Lehrende speziell an deutschen Universitäten – und weltweit – ausgesetzt sehen. Ihren Beitrag kann man lesen, als wäre nichts davon geschehen, als würde es gegenwärtig nicht geschehen – als könnte darüber hinweggesehen werden.

Dieser Kommentar beschränkt sich auf jüdische Perspektiven, die anhand von empirischer Forschung dargestellt werden. Er weist auf strukturelle Forschungslücken hin und argumentiert, dass Antisemitismusforschung nicht unter Rassismusforschung subsumiert werden darf: Es handelt sich um genealogisch und strukturell verschiedene Ressentimentsphänoneme (vgl. Chernivksy/Lorenz-Sinai 2023), die nur bedingte, strukturelle, Intersektionen haben. Vor allem nach dem 07. Oktober stellt sich uns die Frage: Was passiert, wenn Antisemitismus als Spielart von Rassismus untergeordnet wird? Bereitet das den Weg dahin, dass gerade israelbezogener Antisemitismus noch mehr aus dem Blick gerät? Welche Konsequenzen haben die Ereignisse in und um Universitäten und Hochschulen seit dem 7. Oktober für die – potentielle – Zusammenarbeit von Antisemitismus- und Rassismusforschern?

Potentielle Verknüpfungen und Vereinnahmungen

In ihren Initialbeitrag führen Arnold und Karakayalı (2024) an, dass es ein Diskurspatt zwischen den Befürwortern und Gegnern der Verflechtung von Rassismus- und Antisemitismusforschung gebe (Arnold/Karakayalı 2024, S. 2) und ebenso, dass sich die beiden – diskursiven – Lager entlang zweier, im Binär konstruierter Theoriegebäude angesiedelt haben (ebd. S. 2). Für die einen ist die Kritische Theorie ausschlaggebend, für die anderen die postkoloniale Kritik (ebd.). Diese Vereinfachung kritisieren die Autorinnen. Es lässt sich hinzufügen, dass die jeweiligen, eigentlich hochkomplexen Theoriegebäude mitunter zu ideologischen Hütten dezimiert wurden. Auch gehen die Autorinnen auf weitere Spannungsfelder ein: Antisemitismus werde als Weltanschauung gewertet (ebd. S. 3), während Rassismus als geschlossenes Weltbild (ebd. S. 3) konturiert werde, und weiterhin, dass Antisemitismusforschung aus jüdischer Perspektive erst seit sehr kurzem in Deutschland existiere (ebd. S. 3). Dieses gelte auch für die Erforschung von institutionellem Antisemitismus (ebd. S. 5). Das Fehlen der jüdischen Perspektive werde damit begründet, dass es nur wenige lebende Juden in Deutschland gab und gebe (ebd.).[4] Im Rückgriff auf die Erziehungswissenschaftlerin Astrid Messerschmidt (2016) fügen sie hinzu, dass das zudem postnationalsozialistischen, bundesdeutschen Gesellschaftsstrukturen geschuldet sei. Dass die historische Antisemitismusforschung so dominant ist, ist nicht nur der verschwindend kleinen jüdischen Community und der noch kleineren wissenschaftlichen jüdischen Community nach 1945 geschuldet. Zum Verständnis von Antisemitismus gehört einerseits, ihn als Weltanschauung zu begreifen und andererseits zu erkennen, dass es ein Privileg ist, Antisemitismus nicht alltäglich zu erfahren, sondern ihn historisch zu erforschen. Diese Anmerkungen können mit den Befunden der Psychoanalytiker Kurt Grünberg (2010) und Angela Moré (2013) zusammengebracht werden. Grünberg stellt anhand der Widerstände gegen seine Forschung zu den gelebten Folgen des NS für Juden dar, dass es keine neutrale Wissenschaft nach Auschwitz gebe, u. a. wurde ihm vorgeworfen, dass seine Empirie dazu diene, es den Deutschen heimzuzahlen: Das antisemitische Motiv des rachsüchtigen Juden wird in diesem Vorwurf mehr als deutlich. Moré arbeitete intergenerative Schuldverstrickungen in herkunftsdeutschen Familien heraus: In der Gegenwart sind diese Mechanismen immer noch gesellschaftlich und sozial strukturierende Elemente. Sie finden sich in einer Post-Schuld Gesellschaft, die von einer nicht mehr empfundenen Schuld nach der Schuld geprägt ist, was vor allem Antisemitismus mit Israelbezug befeuert (Kranz 2024a, b). Die von Messerschmidt (2016) dargestellten, postnationalsozialistischen Strukturen haben aber auch mit der fehlenden Institutionalisierung der jüdischen Gegenwartsforschung zu tun: Aufgrund mangelnder institutioneller Strukturen bleiben die Gegenwartsforscherinnen[5] meist ebenso unbekannt wie lebende Juden selbst. Dabei lässt sich aus ihrer Forschung neben der Diversität und Pluralität innerhalb dieser Kleinstgruppe viel über lebensweltliche Antisemitismuserfahrungen, Gojnormativität und schiere Ignoranz (Kranz 2024b; Ross 2024) gegenüber Juden und über Selbst- und Fremdbilder von und über Juden erfahren (Hegner 2008; Spülbeck 1997). Dabei wird immer wieder festgestellt, dass Juden als Opfer imaginiert werden und wie in der Vergangenheit festgefroren erscheinen. Das kann als Langzeitfolge der Shoah interpretiert werden, steht aber im Missklang mit lebenden Juden und Israelis (Kranz 2024a). Die Vorstellung hängt auch mit der sehr kleinen jüdischen Bevölkerung in Post-Shoah-Deutschland zusammen. Es gab bis zu (post)-sowjetischen (ab 1990) und israelischen Immigration (ab 2000) extrem wenige Juden in der BRD und der DDR. 1989 waren es 27.711 (ZWST 2001) und 372 (Burgauer 1993: 359) Gemeindemitglieder, respektive. Unter ihnen waren noch weniger, die sich als Wissenschaftler mit jüdischen Themen beschäftigten (Weissberg 2008). Juden nach 1945 waren damit beschäftigt, wirtschaftlich Fuß zu fassen. Gegenwärtig leben etwa 175.000 Juden in Deutschland, davon gelten 118.000 nach der Halacha (dem jüdischen Recht) als jüdisch, 175.000 haben mindestens ein jüdisches Elternteil und definieren sich als ‚teils jüdisch‘ (DellaPergola/Staetsky 2020). Inklusive dieser Gruppe sind 20.000 israelische Staatsbürger (Rebhun et. al. 2022).

Die mit strukturellem, institutionellem Antisemitismus durchdrungenen bundesdeutschen Strukturen kamen dem nicht entgegen, Reparation- und Restitution waren und bleiben ein Dauerkampf. Die Sozialwissenschaftlerin und Historikerin Kristin Platt (2012) stellte heraus, wie Zeugenaussagen von Überlebenden regelmäßig angezweifelt wurden, der Arzt und Medizinhistoriker Christian Pross publiziert seit 1988 zum Thema. Sein Buch Wiedergutmachung: Kleinkrieg gegen die Opfer (1988) ist nicht nur qua Titel exemplarisch, denn bis heute sind Verfahren zu Ghettorenten und Entschädigungen qua Sozialrecht bei der Deutschen Rentenversicherungsanstalt anhängig. Das israelische Finanzministerium unterhält noch immer eine Abteilung, die sich mit diesen Belangen befasst. Das deutsche Staatsangehörigkeitsgesetz wurde erst 2021 so reformiert, dass Nachfahren von Naziverfolgten, inklusive Juden, weitestgehend eingebürgert werden können: Der Literaturwissenschaftler Nicholas Courtman (2020, 2024) und ich selbst (Kranz 2020, 2025a), aber auch Platt und andere haben den behördlichen, institutionellen Antisemitismus in diesem Rechtsbereich und verwandten Rechtsbereichen interdisziplinär erforscht und analysiert. Das bedeutet folglich, dass es eine lange Historie von strukturellem, behördlich-institutionellem Antisemitismus gibt: Die Verweigerung, die Renten von postsowjetischen Juden nach derselben Logik wie die von herkunftsdeutschen Spätaussiedlern auszuzahlen (Arnold/Karakayalı 2024, S. 5) steht in dieser langen Reihe. Das ist umso bemerkenswerter, da es sich bei den post-sowjetischen Juden zum großen Teil um Aschkenasim handelt, die, wie Christen auch, aus deutschen Territorium nach Osten migriert oder auch geflüchtet waren (Beck 2019). Juden wurden auch dadurch fremdgemacht, dass der Bundesgerichtshof 1973 erklärte, dass Jiddisch kein deutscher Dialekt, sondern eine eigenständige Sprache sei.[6] Diese Rechtsprechung ist seitdem mehrfach repliziert worden.[7] Juden sind keine sogenannten Biodeutschen (Kranz 2017), sie sind und bleiben in der Vorstellung vieler ihrer deutschen Mitbürger (sic) „jüdische Mitbürger“ oder „unbekannte Nachbarn“ (Spiegel Geschichte 4/2019), denen entweder mit Abneigung und Hass (Antisemitismus) oder Verlangen (Philosemitismus) begegnet wird. Diese Form des Otherings, das spezifisch Juden bzw. das essentialisierte Jüdische betrifft, hat der Soziologe Zygmunt Bauman (1998) mit dem Begriff Allosemitismus bezeichnet und diesem begegnet man, in zeitgeistigen Varianten, von der Antike bis heute. Hier bieten sich also durchaus Anschlusspunkte zu rassismuskritischer Forschung, da Juden, wie Darja Klingenberg in ihren Beitrag herausstellt, als rassifizierte Andere als auch als Juden diskriminiert werden.

Es ist eine von spezifischen, kurzweiligen Interpretationen von postkolonialen Theorien untermauerte Fehlvorstellung, dass Juden per se Weiße sind oder als solche wahrgenommen werden (siehe z.B. Brodkin 1999; Schraub 2019). Juden können von Antislawismus betroffen sein, wie Arnold und Karakayalı (2024, S. 8) erwähnen; mittlerweile gibt es einige Wissenschaftlerinnen mit postsowjetisch-jüdischen Familienbiographien, die das thematisieren (Klingenberg 2023; Beitrag zu dieser Debatte; Vataman 2020). Die potentiellen Intersektionen von Antisemitismus und anderen Formen der Diskriminierung stellen in Frage, ob es sinnvoll ist, in der Intersektion Antisemitismus und Rassismus zu verbleiben. Gerade auf Grund der Vielfalt von Juden, die Weiß oder Nichtweiß sein können, aus antislawistisch oder antiisraelischen Ressentiments heraus diskriminiert werden und den religiösen Wurzeln des Antijudaismus und des Antisemitismus als quasi biologistisches, dennoch christonormatives Konzept, ist Antisemitismus ein wandelbares Ressentiment und eine anpassbare Struktur, die mit Rassismus verbunden sein kann, es aber nicht sein muss. Antisemitismus muss auf Grund seiner zeitgeistigen und ideologischen Formbarkeit als ein spezifisches Ressentiment und als spezifische Struktur benannt und konzeptualisiert werden. Darüber hinaus dient der Antisemitismus als Welterklärung des Weltgeschehens, was weit über die Funktionen des Rassismus und gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit hinausgeht.

Von Christonormativität zur Gojnormativität: Die jüdische Suche nach Sprechfähigkeit

Die Judaistik in Deutschland ist nach 1945 durchaus Christonormativ geprägt (Lehnhardt 2017), während die Jüdischen Studien in der Vergangenheit verharren (Kranz/Ross 2024). In anderen Fachdisziplinen finden Arbeiten, die Juden als Fallstudien untersuchen und sich auf die Gegenwart fokussieren, oftmals kein institutionelles Zuhause (European Commission 2023, S. 57). Ein signifikanter Anteil der Lehrstühle für Judaistik bis heute in Fakultäten für christliche Theologie angesiedelt ist, auf die Juden, da sie keine Christen sind, nicht berufen werden können (Kranz/Ross 2022, 2024). Im Falle der empirischen Erforschung von Juden und ihren Lebensrealitäten zeigt sich also, wie Goj- und Christonormativität ineinandergreifen und zu einer strukturellen, thematischen und personellen Forschungslücke führen. Ich (Dani Kranz) habe auf einem Plenum mit dem Konzept der Christonormativität argumentiert, was von Coffey und Laumann (2021, S. 50) aufgegriffen und analytisch weiterentwickelt wurde, um zu verstehen, welche Auswirkungen es hat, in einer mehrheitlich nichtjüdischen Gesellschaft zu leben, in der Christen oder christlich sozialisierte bzw. Menschen mit christlich geprägten Familienbiographien die Mehrheit darstellen.[8] Das Konzept der Gojnormativität, das das Nichtjüdische als Norm begreift, stellt eine sprachliche Ermächtigung dar. Das Konzept des Goj selbst tritt schon in der Genesis auf, es ist also ein historisches, genuines und antikes Konzept jüdischer Denke. Historisch gesehen war „der Goj“ nicht notwendigerweise negativ belegt (Ophir/Rozen-Zvi 2021), im alltäglichen Sprachgebrauch hat der „heutige Goj“ allerdings eine negative Konnotation (Mitchell 1988). Coffey und Laumann (2021, S. 18 ff.) ist das bewusst, allerdings verweisen sie darauf, dass Goj das einzige jüdische Konzept ist, um nichtjüdische Outgroups zu markieren. Die beiden postulieren, dass es ein jüdisches Wort und jüdische Sprache braucht um die jüdische Erfahrung aus jüdischer, er/gelebter Sicht greifbar zu machen: Sie suchen nach einer jüdischen Sprechfähigkeit, die sich selbstermächtigt und die sich von Fremdzuschreibungen befreit. Sie gehen damit den nötigen Schritt weiter, der auf die Identifizierung der Christonormativität aus jüdischer Sicht folgen muss. Arnold und Karakayalı erwähnen das Konzept und merken an, dass eine „solche Perspektive […] vergleichsweise neu in der deutschsprachigen Debatte um Antisemitismus“ sei. Sie schreiben dann, dass sich „hier“ (also bei Coffey und Laumann?) ähnliche Konzepte zeigen würden, „wie sie aus der Rassismusforschung bekannt sind.“ Das scheint erstens Coffey und Laumann die Originalität ihres Konzepts abzusprechen. Zweitens klingt es so, als stünden die beiden Autorinnen nicht in der Tradition jüdischer Feministinnen, die schon lange die Unsichtbarkeit jüdischer Perspektiven und die Christonormativität der Frauenbewegung kritisier(t)en. 1994 wurde der Band „Der feministische Sündenfall“ veröffentlicht, in dem jüdische Feministinnen antisemitische – und diese vor allem in ihrer antizionistischen Form – Denktraditionen und Christonormativität im Feminismus kritisierten. Der Band „Entfernte Verbindungen – Rassismus, Antisemitismus und Klassenunterdrückung“ von 1993 enthält den Beitrag von (Benjamin) Maria Baader. Baader (1993, S. 92-93) schreibt:

„Fast alle jüdischen Feministinnen, die an den auf diesen Seiten beschriebenen Prozessen [u.a. Kongress von und für Immigrantinnen, Schwarze Deutsche, Jüdische und im Exil Lebende Frauen] teilgenommen haben, sind heute abgekämpft, müde und resigniert. […] Auch ich habe mich zurückgezogen […] Warum aber scheint es so, als hätten jüdische Frauen in der feministischen Szene an Boden verloren? Es spielen wohl verschiedene Tendenzen eine Rolle. […] [Ein] originäres Interesse an jüdischen Frauen jenseits der Bearbeitung des eigenen Schuldkomplexes hat es so wenig gegeben wie eines an anderen ‚Minderheiten.‘ In engagierten feministischen Kreisen steht das Thema ‚Rassismus‘ im Vordergrund. Dies ist in einer Situation, in der rassistische Gewalt und pogromartige Vorfälle ungeahnte Ausmaße annehmen, notwendig […]. Aber auch über rassistische Strukturen in diesem Land könnte frau mehr verstehen, wenn sie die Geschichte des Antisemitismus einbezöge. Ansätze in diese Richtung, die es vor wenigen Jahren gegeben hat, geraten schon wieder in Vergessenheit, und die ‚Generation‘ jüdischer Frauen, die sich jahrelang bemühte, Antisemitismus auch für nicht-jüdische Frauen zum Thema zu machen, ist erschöpft.“[9]

Sprechfähigkeit ja, aber Hörfähigkeit nein?

Coffey und Laumann (2021) haben eine jüdische Sprechfähigkeit aus jüdischer Perspektive konzeptualisiert. Nur Sprechfähigkeit allein reicht nicht, wenn keine Hörfähigkeit vorhanden ist: Das wurde nach dem 7.10.2023 deutlich. Israelis wurden rasend schnell von israelisch-jüdischen Opfern zu rachsüchtigen Juden (Kurt Grünberg im Interview mit Dirk Fisser, 2023), antisemitische Hasskriminalität wuchs exponentiell, wie die Meldungen bei RIAS (2023, 2024a, b) und die Beratungsanfragen bei Ofek (2024) belegen Dabei war ge- und erlebter Antisemitismus schon vor dem 7.10.2023 auf extrem hohem Niveau im Verhältnis zur Kleinstgruppe, die Juden inklusive israelischer Juden in Deutschland sind.

Gerade Juden und Israelis, die sich selbst im linken und damit dem bezüglich der israelischen Regierung regierungskritischen Spektrum verorteten, erlebten mit Fassungslosigkeit, welche Empathielosigkeit und welch offener Antisemitismus- und Israelfeindschaft ihnen nach dem 7. Oktober 2023 entgegenschlug (Benhabib 2023; Chernivsky/Lorenz 2024; Illouz 2023; Kranz 2024b; Kranz/Zalashik 2024). Juden begannen, aus der Not heraus, sich zu organisieren, es bildete sich im akademischen Bereich das Netzwerk jüdischer Hochschullehrender; jüdische Studierende sind seit 1968 organisiert. Arnold und Karakayalı (2024, S. 7) unterstreichen, dass jüdischen Perspektive und Juden selbst konsultiert werden sollten, wenn Beauftragte für ihre Belange ausgewählt werden – nach dem 7. Oktober 2023 wurden jede Menge Antisemitismusbeauftragte berufen, was allerdings kein Problem für Juden lösen wird, sondern eher aktionistisch erscheint. Auch ist es nicht so, dass Juden de facto konsultiert wurden. Mindestens eine Berufung eines Beauftragten für Antisemitismus an einer deutschen Hochschule wurde von Juden scharf kritisiert – die Forderung, dass jüdische Wissenschaftler und Studenten Mitsprache bei den Berufungen erwarten, wurde reaktiv gestellt, nachdem sie übergangen worden war: Juden wurden einmal mehr nicht als Lebende und als Teilhabende in deutschen (!) Institutionen mitgedacht. Allerdings ist das nicht die einzige Spielart der Gojnormativität und nicht des Antisemitismus, den Juden nach dem 7. Oktober 2023 in der Institution Hochschule/Universität erlebten: Die sogenannten ‚pro Palästina Camps‘, die „anti-israelischen Volksfesten“ (Stögner 2024) gleichen, wurden heftig von der Mehrheit aller Juden und Israelis kritisiert und ebenso offene Briefe, wie der der Berliner Hochschullehrenden[10], die die Camps unter Meinungs- und Versammlungsfreiheit und ohne Bezug zu ihren Inhalten[11] gewahrt sehen wollen. Die Konsequenz der Camps, aber auch von verbaler und online Belästigung ist, dass jüdische Studenten nicht mehr auf den Campus kamen (Brinck 2024). Hier bietet sich ein sehr dringender Bedarf im Bereich der Forschung von institutionalisiertem Antisemitismus mit Israelbezug, linken, postkolonialem und antiimperialistischem Antisemitismus, der eine kritische, reflektierte Annäherung an das Biotop Universität/Hochschule und auch an Einstellungen unter Wissenschaftlern selbst erfordert. Unter den Unterzeichnern des erwähnten und ähnlicher Briefe ist eine signifikante Anzahl von Rassismusforschern: Wie unter dieser Prämisse und fundamental verschiedener Perspektiven auf gerade diese Camps, Antisemitismus, Antisemitismus mit Israelbezug und Israel als solches eine generell stärkere Verflechtungen von Rassismus- und Antisemitismusforschung in der Gegenwart stattfinden sollen, ist aus (m)einer (Dani Kranz) jüdischen Perspektive und auch der anderer jüdischer Wissenschaftler und Forschern der jüdischen Gegenwart nicht nachvollziehbar. Eher stellt sich den Autorinnen dieses Kommentars, anderen jüdischen Wissenschaftlern und Forschern der jüdischen Gegenwart eine sehr fundamentale Frage: Wenn die Antisemitismusforschung in die Rassismusforschung subsumiert werden würde, kann Antisemitismus, besonders mit Israelbezug, dann noch mehr übersehen und überhört werden als das schon vorher der Fall war, weil man sich dann einfach gar nicht mehr mit Antisemitismus als spezifischem Ressentiment und spezifischer Struktur beschäftigen muss? Weil man sich dann noch weniger als Forscher und die eigene Gojnormativität reflektieren muss und Juden nicht mitdenken und mit ihren Partikularidentitäten akzeptieren muss?

Dieser Bruchpunkt, oder eher diese Sollbruchstelle, zeigt sich nun mit aller Deutlichkeit und sie findet sich auch in dem Initialbeitrag: Zwar stellen Arnold und Karakayalı (2024, S. 6) fest, dass jüdische Schüler als „israelische Aggressor:innen diffamiert werden” jedoch nicht, dass es einen spezifischen Antisemitismus mit Israelbezug gibt (Bernstein 2021). Nun stellt sich konsequenterweise die Frage, was wäre, wenn die diffamierten Schüler in der Tat Israelis wären? Wäre die Diffamation dann anders einzuordnen?

Solange nicht anerkannt wird, dass Juden selbst Antisemitismus mit Israelbezug, Antisemitismus der sich aus postkolonialen Theorien, linken und anti-imperialistischen Antisemitismus sowie islamistisch und muslimischen Antisemitismus für sich, aus ihrer Erfahrung, seit dem 7. Oktober 2023 am gefährlichsten einstufen (Porschardt 2024; RIAS 2024c; Serrao 2024), wird es bei einem Diskurs-Patt (Arnold/Karakayalı 2024, S. 2) bleiben. Über dieses zu theoretisieren ist allerdings ein Privileg von Nichtbetroffenen. Während die Hetzkampagne gegen unsere Kollegin Julia Bernstein medial publik wurde und dass sie eine Veranstaltung unter Polizeischutz abhalten musste (Thiel 2024) ist das die nicht sichtbare, nicht anerkannte Realität vieler jüdischer Hochschullehrenden geworden, eben weil sie Juden qua embodiment sind (Kranz 2025b).

Der 7. Oktober 2023 hat, gefiltert durch Israel, ein neues, globales, antisemitisches Zeitalter eröffnet. Was das für Juden bedeutet, kann nur aus emischer und empirischer Perspektive ermittelt werden und eben auch, was es bedeutet, dass deutsche Institutionen, Schulen, Hochschulen, Universitäten, Verwaltungen, sich schwertun, Antisemitismus, der kein rechter Antisemitismus ist, zu erkennen und anzuerkennen. Dass Antisemitismus mit Israelbezug, postkolonialer, linker, anti-imperialistischer, sowie islamistischer und muslimischer Antisemitismus klar benannt werden müssen und dass sie für Juden nicht weniger gefährlich sind als rechter Antisemitismus, wird von Juden selbst klar ausgedrückt.

In der Tat waren das Fehlen eines Konzepts für nichtjüdische Privilegien und das Erstarken des linken Antisemitismus die Trigger, die Coffey und Laumann (2021, S. 18 ff.) dazu veranlasste, nach einem jüdischen Konzept, dass Sprechfähigkeit und Sichtbarmachung gerade in ihren linken, queer-feministischen Kreisen ermöglicht, zu suchen. Solange allerdings auf die Sprechfähigkeit keine Hörfähigkeit folgt und Juden als Teilhabende und Mitglieder von Institutionen nicht anerkannt und normalisiert werden, sie geschützt und die Besonderheit der verschiedenen Formen von Antisemitismus in Abgrenzung zum Rassismus anerkannt wird, wird auch das beste Konzept nur genau das bleiben: Ein Konzept, das Teil eines theoretischen Diskurpatts wird, lediglich erweitert um einen Anbau an die Theoriegebäude von binären Lagern.

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Literatur

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Benhabib, Seyla, 2023. An Open Letter To My Friends Who Signed “Philosophy for Palestine”, Medium, 04.11.2023, https://medium.com/amor-mundi/an-open-letter-to-my-friends-who-signed-philosophy-for-palestine-0440ebd665d8 (Zugriff 04.10.2024)

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Fußnoten

[1] Das soll nicht darüber hinwegtäuschen, dass es nach dem Zweiten Weltkrieg vor allem Juden waren, die Antisemitismus erforschten. Die erste Studie über die Prävalenz von Antisemitismus nach der Shoah ist bereits 1954 erschienen. Der in Österreich geborene, jüdische Anthropologe Robert H. Lowie mischte sich im Auftrag des Landes, in das er immigriert – geflüchtet – war, unters Volk, das US-Verteidigungsministerium hatte Anthropologen als relevante Wissenschaftler entdeckt. Die Ergebnisse von Lowies ethnographischer Untersuchung belegen, dass Antisemitismus im deutschsprachigen Europa und darüber hinaus verbreitet war. Viele dieser jüdischen Wissenschaftler waren nach ihrer Flucht im Ausland tätig, wenige kehrten aus dem erzwungenen Exil in ihre Herkunftsländer zurück.

[2] Aus Gründen der Lesbarkeit verzichten wir auf ein durchgängiges Gendern, schließen jedoch Menschen jeglicher und jenseits jeder Geschlechtsidentifikation in unsere Überlegungen ein. Weiterführend zu gendersensibler Sprache und Juden:Jüdinnen siehe auch: https://latkesberlin.wordpress.com/2020/10/24/juden-gendern/ [11.11.2024].

[3] Gentile ist ein lateinischer Begriff der im Englischen genutzt wird, um Nichtjuden als Outgroup zu bezeichnen. Es leitet sich von Lateinischen gens (Klan, Stamm) ab und wurde in historischen, biblischen Übersetzungen als Übersetzung von gojisch oder Goj genutzt. Diese Sprachentwicklungen haben der Philosoph und Talmudist Ishay Rosen-Zvi und der Philosoph Adi Ophir (2015) rekonstruiert. Grob gesagt kann man die Verwendung dieses Begriffs insofern von Goj abgrenzen, als dass Goj auch eine abwertende Bezeichnung sein kann, die durch jahrhundertlange jüdische Erfahrung von Ausgrenzung und Verfolgung informiert ist: „Experience made many Jews feel that Gentiles are not gentle“ (Rosten 2001, S. 132).

[4] Da stellt sich die Frage, ob jüdische Perspektiven ausschließlich von Juden dargestellt werden können oder ob auch nichtjüdische Forscher ihre Forschungen so gestalten können, dass jüdische Perspektiven Raum und Gehör verschafft wird. Wie an anderer Stelle im Text vermerkt kann es auch zu einer Belastung werden, wenn die Erforschung von jüdischen Lebenswelten und alltäglichem Antisemitismus an Juden delegiert wird. Der Judaist Peter Schäfer stellte 1994 in Bezug auf die Judaistik, ein Fach, in dem viele Nichtjuden tätig sind, klar: „Judaistik ist keine Wissenschaft ausschließlich von Juden und für Juden. Sie muß als universale Disziplin offen sein für die pluralistische Gemeinschaft der Lernenden und Lehrenden“ (Beyeus 1994). Aus unserer Sicht ist es an diesem Punkt ganz entscheidend, ob die eigene – nichtjüdische – Positionalität reflektiert wird oder nicht. In ihrer empirischen Forschung konnten Kranz und Ross (2024) feststellen, dass Forschung zu jüdischen Themen in einem Spannungsverhältnis stattfindet. Deutliche Unterschiede traten zwischen jüdischen und nichtjüdischen Forschern zutage. Im schlimmsten Fall war Antisemitismus erlebter Alltag von jüdischen Wissenschaftlern (Kranz 2025b). Nichtjüdische Forscher, die enge, soziale und persönliche Beziehungen zu Juden haben, haben in ihren Ansätzen und Forschungsfragen eine größere Nähe zu jüdischen Forschern als zu anderen nichtjüdischen Forschern.

[5] Die jüdische Gegenwartsforschung weist einen klaren Überhang von jüdischen und weiblichen Wissenschaftlerinnen auf. Es handelt sich um Forschung in einem emotional-politisch-ideologischem Spannungsfeld (Kranz 2022), die karrieretechnisch nicht belohnt wird: Damit repliziert sich in der jüdischen Gegenwartsforschung das bekannte Muster, dass emotionale Arbeit weiblich dominiert ist, das Arlie Russell Hochschild (1979) erstmals beschrieb.

[6] Beschluss vom 14. Juni 1973 – IX ZB 480/71. Das Hochdeutsche hat sich ab 1700 entwickelt, und gewann durch die Industrialisierung und Mobilität an Bedeutung; auch die allgemeine Schulpflicht, eingeführt 1919, trug zudem zur Verbreitung des Hochdeutschen bei. In dem Sinne ist es mehr als fraglich, ob die christlichen Deutschen, die nach Osten migrierten, Formen von Deutsch sprachen die dem heutigen Hochdeutschen ähnlicher waren als Jiddisch.

[7] Die Zusammenfassung aller Urteile wurde vom Wissenschaftlichen Dienst des Bundestages 2019 vorgenommen (WD 10 – 3000 – 073/19).

[8] Zum Konzept Christonormativität siehe auch die Arbeiten des Soziologen Armin Langer (2018; 2022).

[9] Ein weiteres Beispiel ist der Beitrag von Jessica Jacoby und Gotlinde Magiriba Lwanga mit dem Titel „Was ‚sie‘ schon immer über Antisemitismus wissen wollte, aber nie zu denken wagte“ in Beiträge zur feministischen Theorie und Praxis: Rassismus, Antisemitismus, Fremdenhaß von 1990. Siehe auch die Publikationen zum jüdisch-feministischen Schabbeskreis von Debora Antmann.

[10]https://docs.google.com/forms/d/e/1FAIpQLSfVy2D5Xy_DMiaMx2TsE7YediR6qifxoLDP1zIjKzEl9t1LWw/viewform

[11] Es stellt sich die Frage, ob sich der Inhalt komplett ‚neutralisieren‘ lässt: Hätten die Unterzeichner auch die Meinungs- und Versammlungsfreiheit gewahrt sehen wollen, wären es pro-AfD, Reichbürger, oder pro-Israel Camps gewesen?