Verbindungen und Unterscheidungen – Rassismus- und Antisemitismuskritik im Kontext antiisraelischer und antimuslimischer Artikulationen

Kommentar zum Initialbeitrag von Sina Arnold und Juliana Karakayali

Kommentar von Prof. Dr. Astrid Messerschmidt

Der Initialbeitrag von Sina Arnold und Juliane Karakayali zeichnet sich durch eine produktiv-kooperative Perspektive aus, mit der für eine Zusammenarbeit von Rassismus- und Antisemitismusforschung plädiert wird. Die Chancen einer Zusammenarbeit beider Felder ergeben sich aus den übereinstimmenden Gegenständen der Migration bzw. der Migrationsgesellschaft auf der einen Seite und aus einer Analyseperspektive auf die Konstitution eines Anderen bzw. Fremden auf der anderen Seite.

Zugleich sind die Ursachen für die Trennung von Rassismus- und Antisemitismusforschung nicht unbedeutend. Sie zu benennen, kann für das vorgeschlagene Konzept weiterführend sein.

Institutioneller Alltagsrassismus und Antisemitismus

Für die sozialwissenschaftliche Antisemitismusforschung stellen die Verfasserinnen einen Fokus auf Ideologie und Weltanschauung fest und eine Vernachlässigung von Alltagserfahrungen. Der Schwerpunkt läge auf antisemitischen Denkweisen und Emotionen, nicht jedoch auf den Auswirkungen derselben auf die Betroffenen. Es dominiere eine Perspektive auf Täter:innen. Mit einer Anknüpfung an die Forschungen zu institutionellem Rassismus sollen produktive Verbindungen ermöglicht werden. Denn die Frage, wie „institutionelle Verfahrensweisen das gesellschaftliche Verhältnis des Rassismus reproduzieren und absichern“ (Arnold/Karakayali 2024, S. 4) kann auch an das gesellschaftliche Verhältnis des Antisemitismus gestellt werden. Für die Untersuchung eines institutionellen Antisemitismus werden Beispiele aus der Nachkriegszeit genannt, die für die Kontinuität antisemitischer Traditionen in staatlichen Institutionen stehen. Für die Zeit nach 1990 wird auf die Ungleichbehandlung jüdischer Kontingentflüchtlinge gegenüber „ethnisch-deutschen Spätaussiedler:innen“ (Arnold/Karakayali 2024, S. 5) hingewiesen, die auf einer Abstammungslogik aufbaut und im Grunde einen übergreifenden Rassismus zum Ausdruck bringt, der nationale Zugehörigkeit familiär-genetisch bestimmte und Juden und Jüdinnen ausschloss, weshalb es für sie der Sonderregelung des Kontingents bedurfte. Die Schaffung eines nationalen Wir schloss die größte Opfergruppe des NS systematisch aus, was bis in die Gegenwart spürbar ist. Antisemitismus ist genauso strukturell verankert wie Rassismus. Unterschiedlich stellen sich allerdings die zugrunde liegenden Denkmuster dar.

Wie Antisemitismus in Institutionen erlebt wird, ist neuerdings verstärkt zum Gegenstand der Forschung geworden, wobei hier insbesondere die Schule und ihre Lehrkräfte betrachtet werden. In der rassismuskritischen Migrationspädagogik ist Antisemitismus zwar kein zentraler Gegenstand, seine Thematisierung wird jedoch punktuell aufgegriffen und eingebunden (vgl. Messerschmidt 2022). Jüdinnen und Juden werden kaum im Zusammenhang mit Migration gesehen, obwohl sie mehrheitlich in Deutschland Migrationsgeschichten mitbringen. Der Ansatz einer kooperativen Rassismus- und Antisemitismusforschung kann produktive Verbindungen herstellen und an inzwischen erarbeitete migrationsgesellschaftliche Konzepte der Gedenkstätten- und Erinnerungsarbeit anknüpfen (vgl. Bundschuh 2023).

Für die Antidiskriminierungsarbeit stellen Arnold und Karakayali eine „Leerstelle“ (Arnold/Karakayali 2024, S. 7) fest. Hier könnte nach den Ursachen dafür gefragt werden, um zu erkunden was diese mit den unterschiedlichen Machtparadigmen in der ideologischen Struktur von Rassismus und Antisemitismus zu tun haben. Während im rassistischen Denken der fremd gemachte Andere als defizitär markiert wird, kommt es im antisemitischen Denken zu einem Feindbild der Überlegenheit (vgl. Messerschmidt 2024). Dies führt zu völlig verschiedenen Einordnungen beider Formen von Diskriminierung und Ausgrenzung.

Postkoloniale Selbstbilder und das Verhältnis zu Israel

Die Trennung von Antisemitismus- und Rassismuskritik wird im Beitrag Karakayalıs und Arnolds auf eine vereinfachende Kontrastierung von Kritischer Theorie und postkolonialer Kritik zurückgeführt. Derzeit lässt sich das in Teilen der Protestbewegungen gegen die Kriegsführung im Gaza-Streifen beobachten. Dabei werden die anspruchsvollen postkolonialen Zugänge mit antiimperialistischen Versatzstücken ausgestattet. Dies geschieht verstärkt seit dem aktuellen Gaza-Krieg und nach dem Überfall der Hamas auf israelische Zivilist:innen am 7. Oktober 2023 und ist politisch hochgradig aufgeladen. Die Palästinenser:innen bieten offensichtlich die Möglichkeit zur Identifikation mit einer Befreiungsbewegung. Dabei kommt es zu Vereinfachungen, wenn der Konflikt dualistisch auf den Gegensatz Palästina-Israel reduziert wird und politische Akteure wie bspw. das iranische Regime und dessen Herrschaftsinteressen ausblendet. Die lange aufgestaute Frustration über die Gleichgültigkeit gegenüber der Situation der Palästinenser:innen hat auf den deutschen Straßen zu einer Welle der Solidarisierung mit der palästinensischen Bevölkerung geführt und zu antiisraelischen Parolen, die teilweise antisemitische Inhalte transportieren, wenn Juden und Jüdinnen mit Israel identifiziert und als privilegiert angesehen und wenn ihre Diskriminierungs- und Gewalterfahrungen dethematisiert werden (vgl. Rieger-Ladich 2024).

Das Konzept des postnationalsozialistischen Deutschlands, das im Initialbeitrag erwähnt wird, sollte eine Brücke zu den postkolonialen Analysen bauen (vgl. Messerschmidt 2024; 2017), die jedoch in aktivistischen und akademischen Kontexten kaum begangen wird. Warum dies kaum passiert, wäre eine Diskussion wert. Mit dem Begriff wird versucht, die Anregung des Postkolonialen aufzugreifen und zu verdeutlichen, dass es sich bei beiden Geschichtszusammenhängen um eine unabgeschlossene Geschichte handelt mit deutlichen Nachwirkungen in der Gegenwart.

Der Initialbeitrag baut die Brücke für die gegenwärtige Forschung zwischen dem kolonial geprägten Rassismus und dem völkisch geprägten Antisemitismus auf einer empirischen Ebene. Dafür greifen die Autorinnen auf die Analysen eines institutionellen Rassismus zurück, wie sie aktuell insbesondere für den Bildungsbereich vorgenommen werden (vgl. Ivanova-Chessex/Steinbach 2023). Ähnlich wie Rassismus wird Antisemitismus verkannt und bagatellisiert (vgl. Mecheril 2015). Weitere, empirisch belegbare Bezugspunkte zwischen Rassismus- und Antisemitismusanalysen ergeben sich bei der Erforschung des antimuslimischen Rassismus (vgl. Spielhaus 2021).

Antisemitismus und antimuslimischer Rassismus

Der antimuslimische Kulturrassismus wird in Europa und Deutschland vor allem von Rechtspopulist:innen ausgeübt und von etablierten Parteien übernommen, wodurch die europäischen und deutschen Muslime fremd im eigenen Land gemacht werden. Denn längst sind die Länder, in die familiäre oder eigene Migrationswege geführt haben, zum Teil des Eigenen geworden. Doch viele Deutsch-Muslime oder muslimische Deutsche erleben erneut, dass sie nicht dazu gehören sollen.[1] Die Gleichzeitigkeit von Muslimisch-Sein und Deutschsein wird verweigert, und zwar unabhängig davon, wie die eigene religiöse Zugehörigkeit verstanden und gelebt wird, zumal für viele das eigene Muslimisch-Sein gar keine so große Rolle in ihrem Leben spielt, gäbe es den antimuslimischen Rassismus nicht. Auch darin ähnelt dieser dem Antisemitismus, der viele europäische Juden und Jüdinnen traf, die ihr Judentum eher gelegentlich oder gar nicht als relevant für ihren Alltag auffassten. Die von Arnold und Karakayalı benannte „christliche Normativität“ (Arnold/Karakayalı 2024, S. 6) spielt in beiden Formen eine Rolle. Gleichzeitig sind die Unterschiede nicht zu vernachlässigen, die in der Verfolgungsgeschichte des europäischen Judentums liegen. Alles Jüdische galt darin nicht nur als „abgewertete Abweichung“ (S. 6), sondern als gefährliche Instanz der Unterwanderung jeder Ordnung (vgl. Holz 2001). Zwischen dem nationalen Antisemitismus und dem antimuslimischen Rassismus lassen sich Analogien feststellen, die sich auf die Projektion einer Bedrohung national-kultureller Reinheit beziehen. Doch während der antimuslimische Rassismus und insbesondere seine Ausprägung in der europäisch einflussreichen „Identitären Bewegung“ diese Reinheit durch Trennung bewahren oder wiederherstellen will, zielte der völkische Antisemitismus auf die vollständige Vernichtung des Anderen (vgl. Friedländer 1998). Die historischen Erfahrungen sind an dieser Stelle zu unterscheiden und in die Analysen gegenwärtiger Ausprägungen von Rassismus und Antisemitismus einzubeziehen. Ohne diese Unterscheidung verliert die Kooperation von Rassismus- und Antisemitismusforschung an Überzeugungskraft.

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Literatur

Bundschuh, Stephan et al. 2023. Partizipativ erinnern. Praktiken. Forschung. Diskurse. Eine Bestandsaufnahme. Düsseldorf: IDA.

Friedländer, Saul. 1998. Das Dritte Reich und die Juden. Die Jahre der Verfolgung: 1933–1939. München: Beck.

Holz, Klaus. 2001. Nationaler Antisemitismus. Wissenssoziologie einer Weltanschauung. Hamburg: Hamburger Edition.

Ivanova-Chessex, Oxana/Steinbach, Anja. 2023. Institutionalisierter Rassismus? Perspektiven für eine rassismus- und institutionentheoretische Schulforschung. In: Zeitschrift für erziehungswissenschaftliche Migrationsforschung, 2. Jg., Juni 2023, S. 56-74.

Mecheril, Paul. 2015. Was Sie schon immer über Rassismuserfahrungen wissen wollten… In: Leiprecht, Rudolf/Steinbach, Anja. Hrsg. Schule in der Migrationsgesellschaft. Band 2, Schwalbach, Taunus: Debus Pädag., S. 150-160.

Messerschmidt, Astrid. 2017. Rassismusthematisierungen in den Nachwirkungen des Nationalsozialismus und seiner Aufarbeitung. In: Fereidooni, Karim/El, Meral. Hrsg. Rassismuskritik und Widerstandsformen. Wiesbaden: Springer VS, S. 855-867.

Messerschmidt, Astrid. 2022. Rassismus- und Antisemitismuskritik – mit Geschichtsbewusstsein eine migrationsgesellschaftliche Perspektive ausbilden. In: Füllekruss, David et al. Hrsg. Migrationsgesellschaft – Rassismus – Bildung. Weinheim: Beltz, S. 75-89.

Messerschmidt, Astrid. 2024. Antisemitismus- und Rassismuskritik in postkolonialen und postnationalsozialistischen Verhältnissen. In: IDA Überblick. Zeitschrift des Informations- und Dokumentationszentrums für Antirassismusarbeit in NRW, Nr. 1, S. 3-8.

Rieger-Ladich; Markus. 2024. Neustart der Privilegienkritik. In: Aus Politik und Zeitgeschichte, 74. Jg.; Nr. 2, S. 4-10.

Spielhaus, Riem. 2021. Antimuslimischer Rassismus. In: Fereidooni, Karim/Hößl, Stefan E. Hrsg. Rassismuskritische Bildungsarbeit. Frankfurt: Wochenschau Verlag, S. 84-98.

[1] Vgl. Bundesministerium des Innern/Unabhängiger Expertenkreis Muslimfeindlichkeit. 2023. Muslimfeindlichkeit – Eine deutsche Bilanz. Berlin 2023.