Kommentar von Prof. Dr. Heike Wiese
– Einreichung am 17. Oktober 2023
Judith Purkarthofer und Christoph Schroeder stoßen mit ihrem Plädoyer eine wichtige Debatte zu einem pragmatischen Umgang mit Mehrsprachigkeit in Schule und Gesellschaft an. Sie zeigen dabei unter anderem Fälle auf, in denen ein solcher pragmatischer Umgang bereits deutlich wird, etwa auf einem mehrsprachigen urbanen Straßenmarkt wie dem Maybachufermarkt in Berlin-Neukölln. Ich will diesen Aspekt weiterführen: Um einen pragmatischen Umgang mit Mehrsprachigkeit zu unterstützen, sollten wir uns den Sonderfall vor Augen führen, den das Modell der europäischen Nationalstaaten mit seinem „monolingualen Habitus“ (Gogolin 1994) darstellt, und einen Blick auf die sprachideologischen, sozialen und gesellschaftspolitischen Dynamiken werfen, die dahinter stehen.
„Ein Land – eine Nation – eine Sprache“
Wie auch Melanie David-Erb & Galina Putjata sowie Britta Schneider in ihren Beiträgen hervorheben, ist die Ausrichtung auf eine Sprache ein Erbe der europäischen Nationalstaatenbildung: Eine Nation als Träger des Staates wird nicht zuletzt durch eine gemeinsame „Landessprache“ charakterisiert. Der Konnex zwischen Land, Sprache und Nation führt dabei nicht nur zu einem monolingualen Habitus, sondern, damit verknüpft, auch zu einem monoethnischen Habitus. Die Frage, wer in Deutschland als „deutsch“ akzeptiert wird, ist nicht nur an (deutsche) Sprachkenntnisse geknüpft, sondern ganz wesentlich auch ethnisch bedingt. So werden etwa mehrsprachige Zuwanderer aus Russland als „Russlanddeutsche“ akzeptiert, in Deutschland geborene türkisch-deutsch Mehrsprachige dagegen als „Deutschtürk:innen“ konstruiert, wenn es in der Familie einen Migrationsbezug zur Türkei gibt – auch wenn sie selbst schon zur zweiten oder dritten in Deutschland lebenden Generation gehören. Solche Benennungen zeigen sich auch in linguistischen und bildungswissenschaftlichen Publikationen, z.B. wenn Sprecher:innen als „second-generation migrants“ charakterisiert werden statt als „second-generation Germans/Dutch/…“ (Wiese et al. 2022).
Diese Art von Ausgrenzung wird auch in der Arena der Sprache ausgetragen. Dies wurde beispielsweise in der öffentlichen Debatte zu Kiezdeutsch vor einigen Jahren deutlich, in der die Ablehnung von Kiezdeutsch als deutschem Dialekt teils auf offen rassistischen Abwertungen seiner Sprecher:innen basierte (Wiese 2015). Gleichzeitig wurde die Einordnung von Texas German als deutschem Dialekt (Boas 2009) selbst von Verbänden wie dem nationalistisch ausgerichteten „Verein deutsche Sprache“ (vormals „Verein zur Wahrung der deutschen Sprache“) positiv hervorgehoben – dies, obwohl Kiezdeutsch in der Mitte unserer Gesellschaft entstanden ist und seine Sprecher:innen typischerweise in Deutschland geboren und aufgewachsen sind, Texas German dagegen von US-Amerikaner:innen gesprochen wird, die seit Generationen in den USA leben und kaum Bezüge zum heutigen Deutschland haben.
Bemühungen um einen pragmatischen Umgang mit Mehrsprachigkeit sollten daher auch rassistische/ethnische Grenzziehungen in Bezug auf „Deutschsein“ im Blick haben, die einem pluralen Verständnis unserer Gesellschaft entgegenstehen und eine Wertschätzung sprachlicher Ressourcen, die mit ausgegrenzten sozialen Gruppen assoziiert werden, verhindern können.
Sprachliche Hegemonien
Die monoglotte sprachideologische Beschränkung unserer Gesellschaft bezieht sich nicht nur auf die „Nationalsprache“ Deutsch, sondern hat auch fraktal-rekursive Aspekte (im Sinne von Irvine & Gal 2000): Das Muster wiederholt sich auf einer niedrigeren Ebene, nämlich der der sprachlichen Varietäten, und hier mit Bezug auf soziale Schicht. Während die „Nation“ insgesamt mit der (einen) Sprache Deutsch assoziiert wird, wird innerhalb dieser Sprache Korrektheit auf eine bestimmte Varietät eingeschränkt, die sich nah am Sprachgebrauch der Mittelschicht orientiert. In Schule und Universität führt dies zu einer Orientierung an „Bildungssprache“, die als Voraussetzung für akademische Verständigung vermittelt wird, oft jedoch den Status einer Hegemonialvarietät bekommt. Die rassismuskritische Diskussion der Implikationen solcher „academic language“-Orientierung findet seit einiger Zeit in Ansätzen zur „Raciolinguistics“ statt (z.B. Flores 2019), eine Anwendung auf Sprachbildung in Deutschland steht noch aus.
Die intersektionalen Aspekte monoglotter Eingrenzungen auf Ebene von Ethnie und von sozialer Schicht zeigen sich unter anderem auch in solchen aufenthaltsrechtlichen Regelungen, wie Purkarthofer und Schroeder sie besprechen: Deutschkenntnisse sind für „Personen, die als ‚Hochqualifizierte‘ oder mit eigenen Investitionsmitteln einreisen“ nicht Voraussetzung für eine Niederlassungserlaubnis in Deutschland. Für bestimmte Gruppen werden sprachliche Anforderungen also abgeschwächt, sie werden qua akademischer Qualifikation oder finanzieller Mittel als erwünschte Zuwanderer gesehen. Das Primat des monolingualen Habitus ist somit nicht bedingungslos, ein pragmatischer Umgang mit Mehrsprachigkeit ist bereits möglich, wenn sprachliche Ausgrenzung aus sozioökonomischen Aspekten ungünstig erscheint.
Historische und geographische Normalität eines pragmatischen Umgangs mit Mehrsprachigkeit
Die historische Bedingtheit heutiger einsprachiger Ausrichtungen und Ausgrenzungen ist auch von anderen Debattenbeiträgen (Schneider; David-Erb & Putjata) hervorgehoben worden. Aktuelle interdisziplinäre Ansätze aus der Mehrsprachigkeitsforschung aus Soziolinguistik und Geschichtswissenschaft betonen dabei die historische Verbreitung auch institutioneller Mehrsprachigkeit und die Normalität mehrsprachiger Praktiken wie Sprachmischung und Sprachwechsel (vgl. Beiträge in Pavlenko 2023). Diese lange mehrsprachige Tradition Europas und die zahlreichen historischen Beispiele mehrsprachiger Normalität gerade auch im bildungsbürgerlichen Bereich sind oft noch viel zu wenig im Blick bei der aktuellen Diskussion zu Mehrsprachigkeit und sprachlicher Diversität.
Der monolinguale Habitus im heutigen Europa ist jedoch nicht nur ein historischer, sondern auch ein geographischer Sonderfall. Das monolinguale Erbe der europäischen Nationalstaatenbildung zeigt sich vor allem in Europa und in den Staaten, die aus ehemaligen europäischen Siedlungskolonien hervorgegangen sind (z.B. USA, Australien). In anderen Teilen der Welt, insbesondere in Asien und Afrika, ist Mehrsprachigkeit dagegen oft ein Teil des nationalen Selbstverständnisses und des öffentlichen und auch institutionellen Alltags. Inspiration zur Überwindung des monolingualen Habitus zugunsten eines pragmatischen Umgangs mit Mehrsprachigkeit kann daher auch aus den Ländern des Globalen Südens kommen. Dies kann etwa eine größere Öffnung des Schulsystems für unterschiedliche Familiensprachen bedeuten, aber auch eine größere Akzeptanz von sprachlicher Diversität in der Öffentlichkeit und nicht zuletzt die Entwicklung eines positiven Selbstverständnisses als sprachlich (und ethnisch) vielfältige Gesellschaft.
Ein wichtiger Impuls innerhalb unserer Gesellschaft wird zudem ein demographischer sein: In jüngeren Generationen gehört Mehrsprachigkeit und ein pragmatischer Umgang mit dieser bereits heute immer mehr zur gelebten Normalität. Der Grund hierfür ist nicht nur die gestiegene Mobilität und die Zunahme transnationaler Familien. Digitale soziale Medien unterstützen nicht nur ein mehrsprachiges Aufwachsen und den Gebrauch weiterer Familiensprachen (neben dem Deutschen), sog. „Heritage-Sprachen“, im Alltag, sondern auch die Verwendung von Englisch als Sprache der Globalisierung. Jugendliche lernen Englisch heute nicht nur im Schulunterricht, sondern verwenden es im informellen Bereich in sozialen Netzwerken, kommentieren Youtube-Videos auf Englisch, streamen englischsprachige Serien im Original und mischen in der informellen Schriftlichkeit (s. Britta Schneiders Beitrag), aber auch im mündlichen Bereich regelmäßig Deutsch mit Englisch ebenso wie mit verbreiteten Heritage-Sprachen. Dieser Aspekt mehrsprachiger Normalität ist bereits gesellschaftliche Realität, und auch hierauf können wir aufbauen, um als Gesellschaft zu einem positiven und pragmatischen Umgang mit Mehrsprachigkeit zu gelangen.
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Literatur:
Boas, Hans C. (2009). The Life and Death of Texas German. Durham, NC: Duke University Press [Publications of the American Dialect Society 93].
Flores, Nelson (2019). From academic language to language architecture: Challenging raciolinguistic ideologies in research and practice. Theory Into Practice. DOI: 10.1080/00405841.2019.1665411
Gogolin, Ingrid (1994). Der monolinguale Habitus der multilingualen Schule. Waxmann.
Irvine, Judith T., & Gal, Susan (2000). Language ideology and linguistic differentiation. In: Paul V. Krotsky (Hg.), Regimes of Language: Ideologies, Polities, and Identities. Santa Fe: School of American Research Press. S.35-84.
Pavlenko, Aneta (Hg.) (2023). Multilingualism and History. Cambridge University Press.
Wiese, Heike (2015). ‚This migrants’ babble is not a German dialect!‘ – The interaction of standard language ideology and ‘us’/‘them’-dichotomies in the public discourse on a multiethnolect. Language in Society 44;3: 341-368.
Wiese, Heike; Alexiadou, Artemis; Scarvagliero, Claudio, & Schroeder, Christoph (2022). Multilinguals as Others in society and academia: Challenges of belonging under a monolingual habitus. Working Papers in Urban Language and Literacies (hrsg. von Ben Rampton et al.). King’s College London.
