Zum Initialbeitrag von Sina Arnold und Juliana Karakayali
Replik von Sina Arnold & Juliane Karakayali
Wir danken den zahlreichen Kolleg:innen, die sich mit unserem Initialbeitrag auseinandergesetzt und ihn kommentiert haben. Deutlich wird, dass wir nicht die Einzigen sind, die die Trennung zwischen Antisemitismus- und Rassismusforschung beobachten. Die Kommentare bieten unterschiedliche Überlegungen dazu an, ob und wie diese Trennung überwunden werden sollte. Sie beinhalten außerdem wertvolle Gedanken zum Konzept eines „institutionellen Antisemitismus“, seiner inhaltlichen Ausgestaltung und möglichen Weiterentwicklung. Dass es gelungen ist, in diesem umkämpften Themenfeld eine wertschätzende und inhaltlich fundierte schriftliche Debatte – mit durchaus widerstreitenden Positionen – zu führen, werten wir als Erfolg. Schon jetzt, so wurde uns berichtet, werden die gesammelten Debattenbeiträge in der universitären Lehre verwendet.
Auf einige Aspekte aus den Repliken möchten wir im Folgenden eingehen.
So betonen manche Beitragende, etwa Astrid Messerschmidt und Michael Müller, zu Recht, welche zentrale Bedeutung den Unterschieden und Unterscheidungen von Antisemitismus und Rassismus beikommt, entlang der historischen Erfahrungen wie auch ihrer Funktionen. Michael Müller sieht überdies die mögliche „Gefahr einer konzeptionellen Vereinheitlichung von Phänomenen“, die wiederum ihre Spezifika zu verdecken droht. Wir gehen nach wie vor davon aus, dass gerade der Vergleich und die integrative Forschung es ermöglichen, diese Spezifika herauszuarbeiten. Denn sie sind in den Gegenständen selbst begründet, werden also auch durch eine vergleichende Forschung zutage treten. Das zeigt sich paradoxerweise ausgerechnet an dem Beispiel, welches Michael Müller angibt, um für eine getrennte Forschung zu plädieren: Der Antisemitismus, so führt er unter Bezug auf Klaus Holz‘ „Figur des Dritten“[1] und seine Anwendung auf nationale Kollektive aus, folgt einer weniger binären Logik als der Rassismus – nur um zu erwähnen, dass dieses Strukturmerkmal „für den Antiziganismus ebenfalls angenommen werden kann“. Ein solches „Element der Nicht-Identität im Antiziganismus“[2] haben auch Autor:innen wie Markus End oder Magdalena Freckmann herausgearbeitet. Doch stellt der Antiziganismus ja gerade eine Form von Rassismus dar, und wird synonym auch als solcher bezeichnet: als Rassismus gegen Sinti:zze und Rom:nja oder auch Gadje-Rassismus.
Nur in einer gemeinsamen Forschungsheuristik wird etwa deutlich, warum in der zunehmend verbreiteten rechtsextremen Verschwörungsvorstellung des „Großen Austauschs“ Antisemitismus und antimuslimischer bzw. antimigrantischer Rassismus sich sowohl unterscheiden und zugleich integral ergänzen: So wird eine jüdische Verschwörung angenommen, die für eine verstärkte Einwanderung von (muslimischen) Migrant:innen in westliche Länder sorge, um eine einheimische, als „weiß“ imaginierte, Bevölkerung zu ersetzen. „Juden“ – oder jüdisch codierte Akteur:rinnen – werden als „Strippenzieher“ hinter den politischen Kulissen denunziert, als Teil einer globalen liberalen Elite, die das Ziel der Zersetzung und Zerstörung nationaler Gemeinschaften verfolge. Muslim:innen und Migrant:innen of color werden hingegen als „Naturwesen“ dargestellt[3], als unzivilisiert, sexualisiert, unkontrolliert und unkontrollierbar. Die jeweiligen Stereotype über Juden:Jüdinnen bzw. (muslimische) Migrant:innen of color schöpfen aus jahrhundertealten Repertoires. Die Feindbilder sind nicht einfach austauschbar. Und doch funktionieren sie in diesem globalen rechten Meta-Narrativ nur im wechselseitigen Zusammenspiel. Sie sollten entsprechend auch zusammen analysiert werden.
Während der Kommentar von Matthias Müller und Astrid Messerschmidt Unterschiede betont, verweisen Tereza Hendl, Anna Zielinska und Yudit Namer in ihrem historisch rückblickenden Kommentar auf enge Verbindungen von Antisemitismus und antislawischem Rassismus. Wir lesen ihren Beitrag als Hinweis darauf, dass eine zu starke Differenzierung auch dazu führen kann, Kontinuitäten einer auf biologischen/kulturellen/religiösen Zuschreibungen basierenden Gewalt zu übersehen (vgl. dazu auch Yuval-Davis 2023)[4]. Diese Gefahr sehen sie etwa dann, wenn der Völkermord an den Herero und Nama isoliert analysiert wird. Dagegen zeigen sie, dass mit einer übergreifenden Forschungsheuristik historische Kontinuitäten der von Deutschen verübten Genozide sichtbar wird. Wiewohl wir hier wiederum stärkere historische Differenzierungen vornehmen würden, verstehen wir diesen Einsatz als Unterstützung für unseren Vorschlag, wechselseitige Bezüge zumindest zu betrachten.
Deutlich wird auch, etwa sehr anschaulich in Darja Klingenbergs Beitrag, wie eine historisch und lokal konkrete Forschung zeigen kann, wie Antisemitismus und Rassismus auch in Bezug auf die jüdische Erfahrung verwoben sind, und wie eng diese häufig mit dem deutschen Migrationsregime zusammenhängt. Klingenberg plädiert für einen „engen“ Antisemitismusbegriff, der „die projektive Übertragung von Ambivalenzen auf Juden:Jüdinnen“ abdeckt. Andere Formen der Marginalisierung und Ausgrenzung, die Juden:Jüdinnen in Deutschland erleben, sieht sie besser mit dem Begriff des Rassismus erfasst, der Juden:Jüdinnen als Migrant:innen ausschließt. Zu diesem Schluss kommt sie auch durch den Vergleich mit der gesellschaftlichen Situation von Juden:Jüdinnen in der Sowjetunion, die sie als tatsächlich institutionell rassistisch beschreibt. Antisemitismus beschreibt demnach nur einen Teil der Machtverhältnisse, über die Juden:Jüdinnen gesellschaftliche Ausschlüsse und Marginalisierung erfahren. Damit wirft Darja Klingenberg auch die Frage auf, ob ein institutioneller Antisemitismus überhaupt empirisch nachweisbar wäre und wie er sich wohl von einem institutionellen Rassismus unterscheide. Handelt es sich beispielsweise beim Berliner Neutralitätsgebot – mit dem wir unseren Beitrag und somit auch die Debatte begannen – um eine Form des „institutionalisierten Antisemitismus“ (und „institutionalisierten antimuslimischen Rassismus“), oder kommt darin nicht eher eine Form der angenommen jüdischen „Nicht-Präsenz“ (zum Begriff siehe auch Chernivsky/Lorenz-Sinai) zum Ausdruck? Klingenberg schreibt, man solle nicht „aus falscher Vorsicht“ vorschnell von institutionalisiertem Antisemitismus ausgehen, was wir als Plädoyer für ein genaues Betrachten der Phänomene verstehen und in unsere weiteren Überlegungen aufnehmen werden.
Ein anderes Verständnis zeigt sich im Beitrag von Marina Chernivsky und Friederike Lorenz-Sinai. Sie sehen durchaus, wie sich „Antisemitismus in Institutionen […] manifestiert: Antisemitische Überzeugungen werden in institutionellen Praktiken vollzogen und tradiert.“ In ihren eigenen Forschungen zeigen sie auf, wie Juden:Jüdinnen Antisemitismus in der Institution Schule erleben und wie dieser dort tradiert wird. Eine besondere Rolle spielt für sie dabei die biografische Sozialisierung der Lehrkräfte in die Nichtthematisierung des familiären Antisemitismus, das Abstreiten von Antisemitismus als einem eigenständigen Gewaltverhältnis und die Notwendigkeit, das eigene Jüdischsein aus Gründen des persönlichen Schutzes zu verbergen. Darin zeigen sich auch erste Einblicke in Forschungen zu den Auswirkungen des 7. Oktober 2023 auf jüdische und israelische Communities unter anderem in Institutionen. Diese Thematisierungen sind unseres Erachtens jedoch kein „Privileg von Nichtbetroffenen“ (so Dani Kranz und Ina Schaum), sondern notwendige Debatten um konkrete Erfahrungen und ihre Einordnungen, auch als Grundlage für die Entwicklung möglicher Interventionen und Gegenstrategien. Dafür ist auch eine differenzierte Analyse des israelbezogenen Antisemitismus insbesondere seit dem 7. Oktober 2023 wichtig, den Dani Kranz und Ina Schaum in ihrem Beitrag noch einmal betonen. Hier gilt es, die damit verbundenen Diskriminierungserfahrungen herauszuarbeiten, um zu verstehen, was israelbezogener Antisemitismus ist – und was nicht. Dabei stellt sich eine besondere Herausforderung für die Verbindung von Rassismus- und Antisemitismusforschung. Eine kritische Selbstbefragung beider Disziplinen, inwiefern sie selber zu antisemitischen oder rassistischen Stereotypisierungen beitragen, wäre dabei hilfreich. Doch auch in diesem Fall denken wir, dass eine integriertere Forschung ermöglichen würde, dies nicht nur theoretisch, sondern auch institutionell und personell jenseits der aktuellen Ereignisse zu tun.
Deutlich werden in einigen Kommentaren aber noch viel weitergehende „Leerstellen in der Forschung“ (so Chernivsky und Lorenz-Sinai) zu Antisemitismus, die sich auch in der Abwesenheit jüdischer Perspektiven zeigen – verstanden als Perspektiven auf jüdische Erfahrungen wie auch als Sichtweisen jüdischer Forschender. Dani Kranz‘ und Ina Schaums Beitrag veranschaulicht dabei, welche Rolle der Repräsentation auch im Feld der Antisemitismusforschung zukommt, und wie dies jahrelang vernachlässigt wurde. Ebenso verweist Darja Klingenberg auf die geringe Repräsentation postsowjetischer jüdischer Perspektiven. Umso erfreuter sind wir darüber, dass die Kommentare überwiegend von jüdischen Kolleg:innen (mit)verfasst wurden.
Die RfM-Debatte 2025 verdeutlicht, dass noch viel Arbeit an Begriffen und Konzepten sowie historischer und gegenwartsbezogener empirischer Forschung zu (institutionellem) Antisemitismus und Rassismus, die Erfahrungen und Repräsentation einbezieht, vor uns liegt. Wie es mit Ressourcen für diese Forschung in Zukunft aussehen wird, ist angesichts der politisch volatilen Lage aktuell so unklar wie seit Langem nicht mehr. Und – hier ist Michael Müller zuzustimmen – diese Ressourcen werden sich, vor dem Hintergrund politischer Interessenslagen, auch bei einer stärkeren Zusammenarbeit von Antisemitismus- und Rassismusforschung nicht notwendig vergrößern. Wohl aber sehen wir die Möglichkeit, durch Kooperationen in einer übergreifenden Forschungsheuristik die Arbeiten zu Antisemitismus und Rassismus gegenseitig zu stärken und als Bündnis die Begründung für eine angemessene Ausstattung der Forschung zu geben.
[1] Holz, Klaus. 2001. Nationaler Antisemitismus. Wissenssoziologie einer Weltanschauung. Hamburg: Hamburger Edition.
[2] Freckmann, Magdalena: Das Element der Nicht-Identität im Antiziganismus, ZRex – Zeitschrift für Rechtsextremismusforschung, 1-2022, S. 41-52. https://doi.org/10.3224/zrex.v2i1.03
[3] Vgl. Kutscher, Nadja. 2023. Das Narrativ vom »großen Austausch«. Rassismus, Sexismus und Antifeminismus im neurechten Untergangsmythos. Bielefeld: transcript, S. 97ff.
[4] Yuval-Davis, Nira (2023): Antisemitism is a form of racism – or is it? Sociology 58(4), S. 1-17.
