Dr. Yasemin Shooman (Wissenschaftliche Geschäftsführerin DeZIM-Institut und Mitglied im Rat für Migration): „Richtigstellung Ihres Artikels „Der Kurswechsel wird zum Kraftakt“ vom 17.12.2019“ (Brief vom 21.12.2019)

Sehr geehrter Herr Kaube,

unser Institutsdirektor, Prof. Dr. Frank Kalter, hat mich über Ihre Rückmeldung und Bereitschaft zur Richtigstellung der Umstände meines Weggangs aus dem Jüdischen Museum Berlin (JMB) informiert. Ich möchte Sie daher bitten, richtigzustellen, dass ich nicht im Zuge der Tweet-Affäre und des Rücktritts von Peter Schäfer als Museumsdirektor zurückgetreten bin, sondern bereits vorher vom Deutschen Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung abgeworben wurde und vom JMB daraufhin ein Bleibeangebot bekam. Auch nach Peter Schäfers Rücktritt versuchten der Gründungsdirektor des JMB, W. Michael Blumenthal, und der Geschäftsführende Direktor, Martin Michaelis, mich noch umzustimmen und mich am Museum zu halten. Ich habe Herrn Michaelis in cc gesetzt, er wird Ihnen diese Tatsache bei Bedarf gerne bestätigen. Bitte ändern Sie zudem die Online-Version des Artikels dahingehend, dass Sie aus „inzwischen zurückgetretene“ „inzwischen woanders tätige“ machen, damit sich diese Falschinformation nicht weiterverbreitet.

Des Weiteren bitte ich Sie um die Richtigstellung folgender Behauptungen, die unzutreffend sind: In dem Artikel wird behauptet, der amerikanisch-palästinensische Wissenschaftler Sa’ed Atshan sei im Rahmen einer von mir verantworteten Veranstaltungsreihe ins Museum eingeladen worden. Das ist falsch. Die Einladung erfolgte im Rahmen des Begleitprogramms zur Wechselausstellung „Welcome to Jerusalem“, ich war darin nicht involviert.

In dem Artikel steht weiter, ich hätte in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung gesagt, das Phänomen der Islamfeindlichkeit durchziehe „die Mehrheit der Bevölkerung“. Auch dies ist falsch. Ich habe gesagt, dass sich Islamfeindlichkeit „nicht nur auf Rechtsextremismus reduzieren“ lässt, sondern als „ein Phänomen der Mitte der Gesellschaft“ auch in Milieus hineinreicht, die nicht rechtsextrem sind. Von der „Mehrheit der Bevölkerung“ habe ich an keiner Stelle gesprochen.

Darüber hinaus enthält der Artikel eine Reihe von unzutreffenden Aussagen, die aufgrund ihrer Formulierung wahrscheinlich nicht justiziabel sind. Ich möchte dennoch kurz Stellung dazu nehmen, weil ich darauf baue, dass Ihnen als Herausgeber der FAZ an einem der Wahrheit verpflichteten Journalismus gelegen ist:

Die Kernaussage des Artikels, es hätte eine „Umwandlung des Jüdischen Museums zum Forum der BDS-Bewegung“ gegeben, für die ich verantwortlich zeichne, ist haltlos und kann nur mit dem Stilmittel der Kontaktschuld konstruiert werden – oder kann Ihr Autor nachweisen, dass auch nur ein einziges Mal in den vergangenen sechs Jahren, in denen ich am JMB tätig war, ein Referent oder eine Referentin auf unserer Bühne BDS zum Thema gemacht hat oder gar dafür geworben wurde? Das kann er nicht, denn dies ist schlicht niemals der Fall gewesen. So ein Boykott wurde von uns weder propagiert noch unterstützt oder praktiziert, im Gegenteil: Selbstverständlich haben wir immer wieder mit israelischen Kolleginnen und Kollegen kooperiert. Das einzige, was Sie mir – und im Übrigen einer Reihe weiterer im Museum verantwortlicher Personen – vorwerfen können, ist, dass ich nicht Referenten, die zu vollkommen anderen Themen eingeladen waren, regelmäßig daraufhin überprüfen ließ, ob sie jemals irgendwo etwas zum Thema BDS unterzeichnet haben (was bei Einzelnen offenbar der Fall war), weil wir keine Gesinnungsprüfung praktizieren wollten und die Forderung nach einem generellen Auftrittsverbot für solche Personen unter demokratischen Gesichtspunkten für fragwürdig hielten. Sind Sie tatsächlich der Meinung, dass uns diese Vorgehensweise schon zu einem „Forum der BDS-Bewegung“ gemacht hat? Ich möchte Ihnen kurz illustrieren, worauf das hinausläuft: Nehmen wir den Fall unserer Keynote-Speakerin der Islamophobia-Konferenz, Prof. Meyda Yeğenoğlu, die in dem Artikel als „BDS-Unterstützerin“ bezeichnet wird. Gibt man bei Google ihren Namen mit dem Zusatz BDS ein (was ich erst jetzt getan habe), so erscheint zunächst gar nichts. Erst auf der fünften Seite der Trefferliste (!) findet sich ein Link zu der BDS-Seite PACBI, wo eine Petition von Columbia-Professoren veröffentlicht ist, die Yeğenoğlu im Februar 2009, also vor mehr als zehn Jahren, unterzeichnet hat. Wie Sie sehen können, enthält diese Petition keinerlei BDS-Forderung nach einem Boykott Israels, sondern nimmt Bezug auf die eingeschränkte Bewegungsfreiheit palästinensischer Akademikerinnen und Akademiker. Boykott wird an keiner Stelle erwähnt. Die Petition ist wohl zuerst auf der Seite http://www.academicfreedomcolumbia.org erschienen (dies legt die Seite „Campus Watch“ nahe), PACBI hat sie auch veröffentlicht. Nun möchte ich Sie fragen: Sollte man eine Professorin nicht mehr einladen dürfen, weil sie vor Jahren eine Petition unterzeichnet hat, die auf einer BDS-Seite veröffentlicht wurde (und wie tief soll man eigentlich graben müssen, um solche „Verbindungen“ zutage zu fördern?)? Macht das aus ihr wirklich eine BDS-Unterstützerin und aus uns, weil wir sie eingeladen haben, ein „Forum der BDS-Bewegung“? Für mich ist das die Anwendung der Kontaktschuld par excellence und ich fürchte mich vor dieser Kultur des Verdachts, die der Artikel ventiliert.

Die andere Kernaussage, ich hätte Antisemitismus im Nahen Osten und unter hiesigen Muslimen absichtsvoll ignoriert, ist nachweislich falsch. Wir hatten zu beiden Themenkomplexen mehrfach Veranstaltungen, die Ihr Autor unerwähnt lässt, und in unserem – deutschlandweit übrigens einzigartigen – jüdisch-muslimischen Gesprächskreis war dies über die Jahre ein wiederkehrendes Thema. 2018 habe ich einen „Arbeitskreis Muslim*innen gegen Antisemitismus“ initiiert, um vor dem Hintergrund der sich häufenden Vorfälle von tätlichen Angriffen auf Juden durch Personen mit muslimischem bzw. arabischem Background mit Kolleginnen und Kollegen aus unterschiedlichen Arbeitsfeldern zu diesem Thema zusammenzuarbeiten. Der jüdisch-muslimische Dialog war für mich in den letzten Jahren ein Lebensthema, der Artikel in Ihrer Zeitung zeichnet davon ein Zerrbild und gipfelt in der ehrenrührigen impliziten Anschuldigung, ich sei Teil einer Bewegung gewesen, die sich „in scharfer Form gegen die Existenz des Staates Israel und in der Konsequenz gegen das Lebensrecht der dort lebenden Juden richtet“.

Sollte, wer solch ein Urteil fällt, den Beschuldigten nicht wenigstens Gelegenheit geben, zu den Vorwürfen Stellung zu nehmen? Fairer Journalismus sieht, so meine ich, anders aus und ich frage mich, wie ein Artikel, der auf so vielen unbelegten Behauptungen und auf so viel Kontaktschuld basiert, mit den Qualitätsstandards der FAZ zu vereinbaren ist.

Mit freundlichen Grüßen
Dr. Yasemin Shooman

 

Stellungnahme der Vorsitzenden des Rat für Migration:

Prof. Dr. Yasemin Karakaşoğlu und Paul Mecheril: Stellungnahme zum Artikel „Der Kurswechsel wird zum Kraftakt“, 20.12.2019

Weitere Reaktionen in der Presse:

Thomas E. Schmidt (Journalist): „Jüdisches Museum Berlin: Schiefe Wände, schräger Zwist“, Zeit Online, 15.01.2020

Max Czollek (Politikwissenschaftler und Autor): „Nach Peter Schäfers Abgang: Warum das Jüdische Museum ein offenes Haus bleiben muss“,  Tagesspiegel, 27.12.2019

Micha Brumlik (Erziehungswissenschaftler und Publizist): „Ein Fall von Rufmord: Der Streit ums Jüdische Museum kreist um falsche Behauptungen“, Tagesspiegel, 07.01.2020

Felix Axster (Historiker, Zentrum für Antisemitismusforschung): „Reinheit ist keine Option“, Neues Deutschland, 08.01.2020

Shimon Stein (ehemaliger Botschafter Israels) und Moshe Zimmermann (Historiker): „Kampf gegen Antisemitismus: Ja, aber nicht mit Instrumentalisierungen!“, Tagesspiegel, 12.01.2020

Kommentar zur Tagung „Living with Islamophobia“ 2018:

Prof. Dr. Werner Schiffauer (ehemaliger Vorsitzender des Rat für Migration): „Debatte Diskriminierung von Minderheiten: Rassismus ist Rassismus“, taz, 11.10.2018