Rückblick auf die RfM-Jahrestagung 2023

Vom Eigensinn der Migration

Zum 25. Jubiläum des Rats für Migration ging es um den Anwerbestopp der Gastarbeiter*innen vor 50 Jahren und um das Selbstverständnis des Wissenschaftsvereins in Zeiten neuer Restriktionen.
„Als wir diese Tagung planten, wussten wir noch nicht, dass wir uns mit der Genealogie unserer Gegenwart beschäftigen.“ Mit diesen Worten eröffnet Vassilis Tsianos die Jahrestagung des Rats für Migration am 24. und 25. November. Der Kieler Soziologe wurde am Samstag als Vorstandsvorsitzender wiedergewählt, neben ihm lösen Aysun Doğmuş, Bernd Kasparek, Juliane Karakayali und Jasmin Donlic den alten Vorstand aus Meltem Kulaçatan, Noa Ha, Sebastian Kurtenbach und Sabine Hess ab. Zusammengekommen sind rund 100 Teilnehmende, über die Hälfte darunter Migrationsforscher*innen aus den Bereichen Soziologie, Geschichte, Recht, Linguistik etc., um über eine „Zäsur“ zu sprechen: Das Ende der sogenannten Gastarbeit vor 50 Jahren. Zumindest wurden damals, am 23. November 1973, die offiziellen Anwerbeabkommen gestoppt. Doch hat das nicht wie geplant zu einem Ende der Migration aus den Partnerländern geführt. Mit den Menschen, die damals geblieben sind und ihre Familien nachgeholt haben, „wurde Deutschland zu dem, was es heute ist: ein Einwanderungsland“, sagt die Antirassismusbeauftragte der Bundesregierung, Reem Alabali-Radovan, in einer Videobotschaft. Aktuell sei die Bundesregierung auf dem Weg, das „modernste Einwanderungsrecht der Welt“ zu schaffen.

Die postmigrantische Gesellschaft ist verwundet!

„Sie ist verwundet, weil jüdisches Leben in Deutschland wieder in Gefahr ist. Es wurden Synagogen angegriffen und Wohnhäuser, in denen jüdische Personen leben, wurden mit einem Davidstern markiert. Die postmigrantische Gesellschaft ist verwundet, wenn auf Berliner Schulhöfen das Zeigen von Aufklebern mit „Free Palestine“ oder das „sichtbare Tragen von einschlägigen Kleidungstücken (z.B. die als Palästinenser-Tuch bekannte Kyfya)“ verboten wird, auf Anweisung der Senatsverwaltung für Bildung.“ (mehr…)

Sagte Vassilis Tsianos, Vorsitzender des Rats für Migration, in seiner Eröffnungsrede von zur Jahrestagung „50 Jahre Anwerbestopp. Vom Eigensinn der Migration“. Hören Sie die Rede hier:

Der Beitrag kann hier als PDF heruntergeladen werden.

Der Rat für Migration wurde vor 25 Jahren von dem Historiker Klaus Bade ins Leben gerufen. Der Verein versteht sich, so formuliert es die Soziologin Annette Treibel am zweiten Tag, als „wissenschaftlich fundiertes und zugleich engagiertes Korrektiv zur Migrations- und Integrationspolitik“. Darüber, wie viel Distanz und wie viel Engagement die richtige Balance sei, gibt es unter den Mitgliedern unterschiedliche Auffassungen. Worüber man sich seit der Gründung jedoch einig ist, ist eine Offenheit gegenüber der „postmigrantischen Gesellschaft“. Bade hat sich seinerzeit gegen politische Widerstände dafür eingesetzt, Deutschland als Einwanderungsland anzuerkennen. „Damals war Migrationsskepsis Leitkultur“, sagt Tsianos in einer Würdigung der Gründungs- und ehemaligen Vorsitzenden Klaus Bade, Yasemin Karakaşoğlu, Dieter Oberndörfer, Marianne Krüger Potratz, Werner Schiffauer und Dietrich Thränhardt.

25. November 2023, Zweiter Konferenztag

Ein besonderer Dank für die Errungenschaften für den RfM ging an Klaus J. Bade, Dieter Oberndörfer, Marianne Krüger-Potratz, Dietrich Thränhardt, Werner Schiffauer und Yasemin Karakaşoğlu.

Eine Laudatio von Vassilis Tsianos

Gründungs- und & Ehrenmitglied des RfM, Klaus J. Bade, richtet sich an die Gäste im Saal mit einen Rückblick auf die Anfänge des Rats für MIgration.

Verschiedene Beiträge auf der Tagung machen deutlich, dass diese Skepsis von rassistischen Vorstellungen geprägt war. Die BRD wollte Arbeitskräfte, die sich – so zitiert Historikerin Maria Alexopoulou das Gedicht „Das Epos vom mustergültigen Ausländerle“ von Kemal Kurt – nach der Arbeit in Luft auflösen: „er hat keine frau, keine kinder, die einen kindergartenplatz beanspruchen (…) geht keiner politischen betätigung nach, er demonstriert nicht, streikt nicht, boykottiert nicht“. Wie heute gab es auch damals nicht genügend Kita- und Schulplätze. Doch das sei eine politische Entscheidung gewesen, sagt Alexopoulou. Vor möglichen sexuellen Beziehungen zwischen weißen Deutschen und Gastarbeiter*innen habe man als „rassische Verketzerung“ gewarnt. „Man brauchte Gastarbeiter, wollte sie aber nicht als Einwanderer behandeln, sondern als Dauerausländer“, so Alexopoulou.

Etwas anders gelagert war der Status der Vertragsarbeiter*innen in der DDR. Der Anwerbung aus „sozialistischen Bruderstaaten“ wie Kuba oder Mosambik lagen andere politische Grundsätze zu Grunde. Hier gab es einen Anspruch auf Ausbildung und soziale Sicherheit, auch wenn beides nicht immer eingelöst wurde. Der Empowerment-Trainer Paulino Miguel berichtet von Isolation, Rassismus und ausbleibenden Löhnen – wogegen die Arbeiter*innen Streik organisierten. Miguel kam 1982 – mitten im mosambikanischen Bürgerkrieg – zunächst als Schüler aus Mosambik an die „Schule der Freundschaft“ in Staßfurt in die DDR. Nach kurzer Zeit zurück in Mosambik kam er 1989 erneut als Vertragsarbeiter in die DDR. Obwohl sein Arbeitsvertrag bis 1993 galt, wurde er 1990 gekündigt und sein Aufenthalt illegalisiert. „Es gab in der Zeit sehr viel Druck, um die Menschen schnell loszuwerden“ so Miguel. Er hat dafür gekämpft, zu bleiben – und es geschafft.

24. November 2023, Erster Konferenztag

Der Aufbruch der Frauen – die vergessene Seite der Arbeitsmigration

Es diskutierten Encarnación Gutiérrez Rodríguez, Behshid Najafi & Ayşe Tekin

Moderation: Helma Lutz & Meltem Kulaçatan

Widerständigkeit gegen das politische System zeigte sich in dieser Zeit auch von feministischer Seite. Ehemalige Gastarbeiter*innen erhalten im Schnitt etwa 280 Euro weniger Rente als Deutsche, davon besonders betroffen sind Frauen. „Deutschland brauchte billige Arbeitsplätze und die Frauen waren – leider – billiger als die Männer“, sagt die Journalistin Ayşe Tekin. Ungebunden, billig und ganztags verfügbar – an migrantische Frauen wurden ganz andere Anforderungen gestellt als an weiße deutsche. Doch: „Die Unternehmen hatten ihre Rechnung ohne die Rechnung der Kampflust der Arbeiterinnen gemacht. Zwar waren sie kostengünstige Arbeiter, aber sie bestanden auch auf ihre Rechte“, sagt Tekin. Gerade von Frauen initiierte Streiks seien erfolgreich zu Ende gebracht worden.

Über Rassismus sprach diese Generation der Gastarbeiter*innen nur indirekt. Das wird auf einem Panel zu den Krankenpflegerinnen thematisiert, die die BRD aus Indien, Südkorea und den Philippinen angeworben hatte. Trotzdem konnte eine Studie zeigen: Obwohl diese Frauen bei Patient*innen wie Kolleg*innen sehr beliebt waren, erlebten 67 Prozent der Krankenschwestern damals Diskriminierung am Arbeitsplatz, sagt Koreanistik-Professor You Jae Lee. Auch heute wirbt Deutschland wieder aktiv Pflegekräfte aus dem Ausland an, etwa aus Mexiko und Brasilien. „Man tut immer so als wäre der Pflegenotstand etwas Neues, dabei kommt der immer wieder. Das ist strukturell angelegt: Durch die Feminisierung des Berufes und die soziale Abwertung von Pflegearbeit“, sagt die Anthropologin Urmila Goel.

Überhaupt: Die aktuellen Diskussionen um Abschiebungen, „Ausländerquoten“ und die restriktive Wende in der Asylpolitik sind auf der Tagung stets präsent – auf dem Podium und in persönlichen Gesprächen. Und auch vor Kommentaren zum Umgang mit dem Nahostkonflikt in Deutschland schreckt der Rat für Migration nicht zurück. Tsianos verurteilt den antisemitischen Terroranschlag der Hamas und antisemitische Vorfälle in Deutschland. Gleichzeitigwarnt er vor einer Stigmatisierung palästinensischer Kinder und ihrer Eltern an deutschen Schulen. Dies separiere Räume der Trauer und verunmögliche, die Trauer der anderen zu begreifen. „Das stärkt die Feinde der postmigrantischen Gesellschaft“, so Tsianos. Den Abschluss bildet eine Debatte über „kritische Migrationsforschung in Zeiten autoritärer Diskursverschiebung“. Eine große Frage diskutierte der Rat für Migration intern, auf seiner Mitgliederversammlung: Wie sehr und auf welche Weise wollen sich die Wissenschaftler*innen künftig in gesellschaftliche Diskussionen einmischen? Es ist nun Aufgabe des neu gewählten Vorstands, eine angemessene Antwort zu finden. Denn darin waren sich die RfM-Mitglieder einig: Es braucht die unabhängige Stimme des Rats und die interdisziplinären Perspektiven seiner Mitglieder mehr denn je.

25. November 2023, Zweiter Konferenztag

1998 und heute – ein anderes Deutschland und ein anderer Rat für Migration? 25 Jahre Rat für Migration

Es diskutierten Annette Treibel, Werner Schiffauer, Yasemin Karakaşoğlu, Vassilis Tsianos

Moderation: Sabine Hess

Impulse zu 25 Jahren Rat für Migration

Warum ist der Rat für Migration wichtig? Welche Fakten über Migration/Migrant*innen kommen im aktuellen politischen Diskurs zu kurz? Welche Botschaften ist heute für das Land besonders wichtig?

Diese und andere Fragen stellten wir Vassilis Tsianos, Naika Foroutan und Bernd Kasparek auf der RfM-Jahrestagung 2023. 

Hier sind ihre Antworten:

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© bellu&bellu

„Aktuell ist Mobilität global sehr ungerecht verteilt, abhängig davon, welchen Pass man besitzt. […] „Mobility Justice“ ist für mich ein geeigneter Rahmen einer vorausschauenden und fairen Wissenschaft im öffentlichen Interesse, um dem etwas entgegenzusetzen. „

Vassilis Tsianos

Soziologe, Vereinsvorsitzender des Rats für Migration

Für einen europäischen Asyl-Munitipalismus

Der Rat für Migration steht für mich für den Ausbau einer „Wissenschaft der Migration im öffentlichen Interesse“. Wir stehen dabei an der Schnittstelle zwischen engagierter migrationswissenschaftlicher Expertise und dem Anspruch, das gewonnene Wissen verständlich an die Öffentlichkeit zu vermitteln. Dies heißt für mich nicht zuletzt, Formate zu entwickeln, die unterschiedliche Menschen beteiligen und die Migrationswissenschaft, zivilgesellschaftliche Projekte und diskriminierungskritische Prozesse der Gegenwart zusammenbringen. Ein Beispiel dafür, das mir in der aktuellen Debatte zu kurz kommt, ist der Ansatz der „Mobility Justice“, also der Mobilitäts-Gerechtigkeit. Aktuell ist Mobilität global sehr ungerecht verteilt, abhängig davon, welchen Pass man besitzt. Diese Ungerechtigkeit wird durch migrationsskeptische Politik, ein rigides Regime der Abschiebungen und autoritäre Denkweisen verfestigt. „Mobility Justice“ ist für mich ein geeigneter Rahmen einer vorausschauenden und fairen Wissenschaft im öffentlichen Interesse, um dem etwas entgegenzusetzen. Etwa effektive Alternativen im Sinne eines europaweiten Asyl-Munitipalismus. Gemeint ist damit eine radikale Politik der kommunalen Willkommensgesellschaft als Alternative zum ineffektiven Dublinsystem. Ein Anfang könnte es sein, eine demokratische Kontrolle von Frontex gestützt durch wissenschaftliche und zivilgesellschaftliche Akteure einzuführen.

// Der Soziologe Vassilis Tsianos ist Vorstandsvorsitzender des Rats für Migration.

Prof. Dr. Naika Foroutan

„Als Fakten kommt mir vor allen Dingen zu kurz, dass wir einen großen Migrationsbedarf haben. Doch der dominiert nicht die öffentlichen Debatten. Was die öffentlichen Debatten dominiert, ist Migrationspanik.“

Naika Foroutan

Soziologin, Rat für Migration & Leitung des DeZIM

Migrationspanik und Alltäglichkeit

Der Rat für Migration steht für mich vor allen Dingen für eine unabhängige Expertise. Der Zusammenschluss von so vielen Forschenden aus unterschiedlichen Disziplinen, die sich alle mit dem Themenfeld Migration, Integration, gesellschaftlicher Konflikt, politische Kritik auseinandersetzen – in dem Vertrauen, dass unterschiedliche Positionierungen nicht unbedingt immer konsensual besprochen werden müssen. Im Rat für Migration gibt es den Raum für Konflikt, aber im Bewusstsein darum, dass wir alle einen Common Ground teilen, nämlich die Vulnerabilität der Demokratie zu kennen und zu wissen, dass einmal getätigte Gewinne in Fragen von Gleichheit und Gerechtigkeit auch jederzeit wieder zurückgedrängt werden können. Als Fakten kommt mir vor allen Dingen zu kurz, dass wir einen großen Migrationsbedarf haben. Doch der dominiert nicht die öffentlichen Debatten. Was die öffentlichen Debatten dominiert, ist Migrationspanik. Und mir kommt zu kurz, wie wir es schaffen können, die Frage der Notwendigkeit von Migration, der Alltäglichkeit von Migration, der teilweise Normalität von Migration, dieser Migrationspanik und Migrationsabwehr entgegenzustellen. Viele Menschen wissen, dass diese Gesellschaft und ihre hierarchischen Positionen, ihre Privilegien sich verändern müssen durch eine neue demografische Struktur. Was wir aber stattdessen erkennen können, ist, dass genau das Festhalten an den alten Positionalitäten jegliche Entwicklung nicht nur aufhält, sondern sie gerade auch zurückschiebt. Das ist kontraproduktiv für die ganze Gesellschaft.

// Die Soziologin Naika Foroutan leitet das Deutsche Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung. 

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„Meine Überzeugung ist, dass Migrationspolitik essentiell undemokratisch ist, weil man die Menschen, die davon betroffen sind, nicht in den Entscheidungsprozess mit einbezieht.“

Bernd Kasparek

Kulturanthropologe, Vorstandsmitglied im Rat für Migration

Kontrollanspruch und Eigensinn

Migration ist immer ein heiß umkämpftes Thema in der Politik und ich habe den Eindruck, dass sehr oft Wissen dazu fehlt. Deswegen ist es wichtig, dass es ein Gremium gibt, in dem sich Migrationsforscherinnen und -forscher darüber austauschen und ihr Wissen in die Gesellschaft einspeisen. Meine Überzeugung ist, dass Migrationspolitik essentiell undemokratisch ist, weil man die Menschen, die davon betroffen sind, nicht in den Entscheidungsprozess mit einbezieht. Man will sie loswerden oder man will über sie verfügen als Arbeitskräfte. Der Eigensinn der Migration bedeutet für mich, dass die meisten Versuche, auf die Migration einzuwirken, so nicht funktionieren. Weil die Politiker*innen nicht einplanen, dass es eine Reaktion von Seiten der Migrant*innen gibt. Die haben ein Ziel und das versuchen sie zu erreichen. Wir haben gesehen, dass der Anwerbestopp, den wir auf der Tagung diskutiert haben, genau das Gegenteil von dem bewirkt hat, was man eigentlich erreichen wollte. Es gab damals eine Million „ausländische Arbeitnehmer*innen“ in Deutschland und die Regierung hatte den Plan, wenn die Arbeitserlaubnisse auslaufen und keine neuen vergeben werden, dann sinkt diese Zahl Richtung Null. Der Punkt war aber, dass man damit die Menschen gezwungen hat, eine Wahl zu treffen: Bleiben sie in Deutschland oder nicht? Und viele haben sich dafür entschieden, in Deutschland zu bleiben und ihre Familien nachzuholen. Damit gingen die Zahlen auf 4 Millionen hoch. Das ist der Eigensinn.

// Der Kulturanthropologe Bernd Kasparek ist im Vorstand des Rats für Migration.

Ermöglicht wurde die Tagung durch