
Wir trauern um unser langjähriges Vorstands- und Vereinsmitglied Marianne Krüger-Potratz. Sie verstarb am 18. Januar 2026 im Alter von 83 Jahren.
Wir verlieren mit ihr eine inspirierende Wissenschaftlerin und scharfsinnige Analystin migrationsgesellschaftlicher Transformationsprozesse in Deutschland und international, deren historische Wurzeln sie uns allen über ihr eindrucksvolles Œuvre immer wieder in Erinnerung gerufen hat.
Marianne Krüger-Potratz hat in einzigartiger Weise das historische Gedächtnis der Bildungsbenachteiligung von Kindern aufgearbeitet, die aufgrund von Grenzveränderungen, Vertreibungen oder anders motivierter Migration zu ethnischen oder sprachlichen Minderheiten wurden. Mit dieser spezifischen historisch-kritischen Perspektive prägte sie die von ihr in den 1980er Jahren mitbegründete erziehungswissenschaftliche Subdisziplin „Interkulturelle Pädagogik“ über Jahrzehnte.
Sie gehörte zu den Gründungsmitgliedern des Rats für Migration, später des Rat für Migration e.V. und war von 2006 bis 2014 in seinem Vorstand. Sie war maßgeblich beteiligt an der Ausarbeitung des Profils des Rats für Migration als zivilgesellschaftlicher Instanz zur kritischen Begleitung der Migrationspolitik. Ein großer Verdienst für den Rat für Migration ist es, dass sie den Vorsitz 2010 in einer Zeit übernommen hat, als Stimmen im Vorstand aufgrund von Bedeutungsverlust des RfM eine auflösen forderten. Unter ihrer Herausgeberinnenschaft entstanden die Sammelbände Migrationsreport 2008 (zusammen mit Michael Bommes) und Migrationsreport 2010 (zusammen mit Werner Schiffauer). Bis zuletzt blieb sie dem Rat für Migration verbunden und beteiligte sich an dessen Aktivitäten; stets mit wachem und vorausschauendem Geist.
Marianne Krüger-Potratz hat zunächst Romanistik, Slawistik, Pädagogik und Philosophie an der Universität des Saarlandes und der Freien Universität Berlin studiert. Die damit verbundene transnationale Sicht auf Sprache(n), Geschichte und Philosophie sollte auch ihren weiteren akademischen Werdegang prägen. Die Befähigung, das Lehramt an höheren Schulen auszuüben, erwarb sie über das Referendariat in Braunschweig und die Zweite Staatsprüfung für das Lehramt im Jahr 1970. 1975 folgte die Promotion in Anschluss an ihr Zweitstudium der Erziehungswissenschaft, für die sie in besonderem Maße brannte. 1984 habilitierte sie sich schließlich in der Vergleichenden Erziehungswissenschaft an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster mit einer Arbeit zur sowjetischen Pädagogik in der Zeit der Zweiten Kulturrevolution. Sie gehört mit ihren Studien zu Osteuropa und späteren Arbeiten zur Schule und Pädagogik in der DDR zu den wenigen ihres Faches in Westdeutschland mit dieser spezifischen Expertise.
Unmittelbar nach der Habilitation erhielt sie den Ruf an die Westfälische Wilhelms-Universität Münster im Lehr- und Forschungsgebiet der Interkulturellen Pädagogik und Vergleichenden Erziehungswissenschaft. Sie baute ab 1986 die „Arbeitsstelle interkulturelle Pädagogik“ auf und koordinierte einen der wenigen an Universitäten in Deutschland existierenden Zusatzstudiengänge für „Deutsch als Fremdsprache/Interkulturelle Pädagogik“, die zur Qualifizierung von Lehrkräften für den Unterricht mit (neu-)zugewanderten Schüler*innen eingerichtet wurden. Zugleich übernahm sie – gemeinsam mit Prof. Gehrmann von der Universität Zagreb – von 2007-2010 die Funktion der Direktorin des Internationalen Zentrums für Europäische Bildung der Westfälischen Wilhelms-Universität. Quasi nebenbei war sie auch als Redaktionsmitglied zweier wissenschaftlicher Zeitschriften tätig, darunter „Die Deutsche Schule“.
Sie erhielt 2013 den Ehrenpreis der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft (DGfE) für ihr vielfältiges und unermüdliches Engagement. Es war ihr Verdienst, die Perspektiven der interkulturellen und international vergleichenden Erziehungswissenschaft nicht nur in der von ihr (zusammen mit Ingrid Gogolin) mitbegründeten Sektion zusammenzuführen, sondern deren Inhalte auch als Querschnittsdimension in weiteren Sektionen der Fachgesellschaft repräsentiert zu sehen.
Zivilgesellschaftlich engagierte sich Marianne Krüger-Potratz für Chancengerechtigkeit in der Bildung. Neben dem Rat für Migration war sie aktiv in verschiedenen wissenschaftlichen Beiräten, so von Anfang an im 2000 gegründeten Fachbeirat der Otto-Benecke-Stiftung (OBS), dessen Vorsitz sie 2012 übernahm oder in der Deutschen UNESCO-Kommission.
Marianne Krüger-Potratz hat stets für die enge Verbindung zwischen ihrer erziehungswissenschaftlichen Forschung und der Mitverantwortung für die Gestaltung der Zivilgesellschaft und der Bildungspolitik eingestanden. Sie hat mit ihrer Arbeit den Weg dafür bereitet, dass die Erkenntnisse der Forschung trotz der von vielen Seiten vertretenen Leugnung des faktischen Wandels zum Einwanderungsland ihren Weg in die Politik und die breitere Öffentlichkeit finden.
Ihren klugen Rat, ihr engagiertes Eintreten für ein kritisches Bewusstsein gegenüber Kontinuitäten von Diskriminierung, Benachteiligung, sogar Ausschluss von der Teilhabe von Kindern und Jugendlichen ethnische und sprachlicher Minderheiten seit der Gründung eines öffentlich verantworteten allgemeinbildenden Schulsystems bis in die Gegenwart werden wir vermissen. Sie hat als engagierte und empathische Mentorin mit ihren konstruktiv-unterstützenden Hinweisen viele von uns in ihrem wissenschaftlichen Werdegang auf ihre ganz persönliche Weise geprägt.
Wir gedenken ihrer als Wissenschaftlerin und wunderbarem Menschen mit großem Respekt, in herzlicher Zugewandtheit und Dankbarkeit.
Verfasst von Yasemin Karakaşoğlu und Ingrid Gogolin
Ergänzt von den Mitgliedern des Rats für Migration e.V.